[gurkenwasser]

Eine kurze Bertrachtung der allgemeinen Situation. Oder: Herbst.

Veröffentlicht in Freiraum von gurkenwasser am 26. November 2009

Die Sonne geht jetzt später auf, dafür aber auch früher unter. Die Menschen auf der Straße haben jetzt Wollmützen auf ihren Köpfen und schnaufen sichtbar durch die bunten Blätter, die von den Bäumen gefallen sind. Im Café ist es dafür ab sofort umso wärmer. Kaum auszuhalten, wenn man aus der semifrostigen Natur mit den Handschuhen und den roten Bäckchen einkehrt. Nur gut, dass wir uns vorher mit Hilfe der Zwiebelmethode angezogen haben und uns nach der Ankunft befreiend schälen und den warmen Wams in die Ecke der alten Holzbank legen können.

Wie üblich tippen wir, uns in einer gemütlichen Sitzhaltung befindend, auf dem Glas des Smartphones herum den neuen Stand unserer Uni oder der brennenden Uni zu erkundigen. Als für vor drei Jahren frisch Immatrikulierte immerhin die gefühlte Pflicht sich zu informieren und den kämpfenden anwesenden Kommilitonen geistige Solidarität zu bekunden. Die lassen sich währenddessen aus dem seit längerem besetzten Hörsaal scheuchen. Scheuchen oder freundlich Bitten. Immerhin ist eine Eskalation von keiner Seite erwünscht. Weder die Regierung, noch die ausführende Gewalt in Form der Polizei, noch die demonstrierenden Studenten vertreten einen anderen, als den friedlichen Weg des Aufstands. Plakativ wird die schlechte Bildungssituation bestreikt und die Empfänger des Symbols stellen sich, Urheber der Situation, fein sauber eingereiht an die Schulter der Demonstrierenden. Mehr Geld soll fließen. Das Problem ist bekämpft, denn es herrscht wieder Ruhe im Staate. Denn ebenso fein wie an die Schulter gestellt, haben die Entscheider die aufbegehrende Meute um den Finger gewickelt. Mehr Geld soll fließen. Das klingt gut, nicht nur in den Ohren der Beteiligten. Auch die Medien haben fleißig Material zum senden und berichten um auch allen nicht Betroffenen das Signal in den Kopf zu setzen: Für die Bildung, da wird was getan. Das ist immerhin unser Kapital, unsere Zukunft.

Wer jedoch große Erwartungen hatte, Erwartungen, dass sich tatsächlich was bewegt im eingefahrenen starren Gefüge, der wurde enttäuscht. Mehr Geld soll fließen klingt nämlich nur auf den ersten Metern nach spirit. Wie man beobachten darf – und das ist eine subjektive Meinung, die sich in ihrer Art selbst nicht übertreffen könnte – fließt das Geld vornehmlich in die Finanzierung der maroden Gebäude. Die örtliche Bibliothek leckt nicht nur in ihrem Bestand, sondern auch an den Öffnungszeiten, die in der nahen Vergangenheit sogar verkürzt wurden.

Auf der Straße war wohl einiges los, die Reaktion war auch prompt. Nur das Ergebnis ist unbefriedigend. An der eigentlichen, moralischen Unkultur, dem Marionettendasein der Studenten Hochschüler ist mit Geld in erster Linie nichts zu ändern. Lebenszeit kann man ebenso wenig erwerben wie den Tag durch künstliche Methoden verlängern. Das eigentlichen Kapital, die Fähigkeit nachzudenken und ein Problem zu verstehen kann man nur durch Zeit, durch viel Zeit kreieren und ausbilden. Das Modell, eine Hochschule – wie einst Till Eulenspiegel – wörtlich als die Fortsetzung der weiterbildenden Schule zu verstehen, deren Ziel es ist das Klassenziel zu erreichen, ist konträr zum Ziel neugierige und wissensdurstig motivierte Menschen zu fördern. Das Gehirn kann nur durch eins trainiert werden: durch die Benutzung. Im Verfahren des Lernens auf Ziel, des Lernens für das Bestehen einer Klausur wird dieser Prozess jedoch nicht gefordert. Die Fähigkeit Probleme zu lösen, komplexe Probleme für die keine Musterlösung in keinem Lehrbuch existent sind, die geht in diesem Sinne verloren. Als Nebeneffekt wirkt die dadurch entstehende Demotivation und die Angst zu versagen hervorgerufen. Erzeugt wird also ein Mensch, dem das Denken fremd wird. Der nicht mehr in der Lage ist eigenständig Entscheidungen zu treffen und diese nachhaltig zu vertreten.

Dem Lautesten schenken wir Gehör und dem Stärksten unseren Respekt. So ist es nicht verwunderlich dass wir auf den Glasbildschirmen der Smartphones Meldungen lesen von »einem 600-köpfigen Aufgebot der Polizei um ein von 35 Personen besetztes Haus zu räumen.« Oder das respektierende Zuhören und anschließende Besinnen, das auf die Reaktion der Regierung auf den Bildungsstreik zu beobachten war.

Wir sitzen einfach nur da, trinken unseren Latte Macchiato und wärmen uns die Hände beim Umklammern des Glases. Betroffenheit, wieso? Ich hab nix gemacht.

Und, was machst Du so?

Veröffentlicht in Gesellschaft, Kognition von gurkenwasser am 20. November 2009

Ebenso als ich daneben stand

»Ach, Hallo. Dich hab ich ja schon lange nicht mehr gesehen. Wie geht’s Dir?«

»Halloo« mit einem Grinsen auf den Lippen »ich schreibe grade meine Examensarbeit. Ja, ich hab grad schonmal Weihnachtsgeschenke gekauft. Und selbst so?«

»Ach, ich hab ja seit letztes Jahr Arthrose in der Hüfte. Tut ganz schön weh.«

Die Gegenfrage und Antwort wäre vermutlich gewesen

»Ach, Hallo. Dich hab ich ja schon lange nicht mehr gesehen. Was machst Du so?«

»Halloo. Gut, danke und Dir?«

»Ach, ich bin seit dem letzten Jahr zuhause und knüpfe Schafdecken.«

 

Mir ist es ein Rätsel weshalb es immer wieder Menschen gibt, die sich über ihren Beruf profilieren und gegenüber Mitmenschen versuchen zu definieren. Als gäbe es kein Leben danach. Oder davor. Aber mit der Zeit ist das halt so eine Sache bei uns Schwerbeschäftigten.

Hier bin ich. Vielleicht.

Veröffentlicht in Gesellschaft, Wirkungsfeld von gurkenwasser am 16. November 2009

Obama tut es. Merkel tut es. Und Westerwelle tut es auch.

Das Gesicht bei Facebook, das Update bei Twitter oder – für die regionale Trendsetter – das Profil im VZ-Netzwerk. In keinem der großen sozialen Netzwerke darf die Präsenz der Namen fehlen. Hin und wieder mal ein mehr oder weniger bedeutendes Lebenszeichen und die Fangemeinde ist zufrieden. Zufrieden?

Jetzt ist es jedenfalls raus. Obama verfasst und verschickt seine Twitter-Updates nicht selbst. Frau Bundeskanzler hat es schon länger verlauten lassen. Hinter den Profilen stecken nicht die Personen, die man eigentlich erwartet, sondern für ihren Dienst bezahlte Angestellte, deren Aufgabe es ist, das Profil in öffentlichen Netzwerken zu pflegen und den Auftritt so authentisch wie nur eben möglich zu gestalten. Das Ziel ist schlicht und einfach Publizität und gesellschaftliche Wahrnehmung.

Politikern eine gewissen Hang zum Öffentlichkeitsdrang vorzuwerfen ist trivial und unnötig. Das Untypische und Fragwürdige an der Sache ist jedoch wem es nützt. Kein Politiker kann so kurzsichtig sein, anzunehmen die Gemeinde denke dass es sich dabei um seinen ganz privaten Account handelt. Um einen Account womöglich, der sog. Freunden einen unverwehrten Einblick in das Privatleben liefert. Dabei kommt es beim Empfänger vollkommen anders an. Die tatsächliche Unehrlichkeit schlägt dabei voll und ganz durch und die vorgetäuschte Authentizität erreicht eigentlich das Gegenteil.

Dabei ist es keine Schande oder kein Schaden an einem Phänomen nicht teilzuhaben. Jeder wird Verständnis dafür haben, wenn Politiker die ihnen wahrscheinlich ohnehin schon knappe (Frei-)Zeit nicht für die Pflege von Onlineprofilen verwenden. Jedenfalls erlauben die aktuellen Scheinprofile die Vermutung an eine Farce. Unnütz.

Wer hat noch nicht, wer will nochmal

Veröffentlicht in Gesellschaft, Kognition, Politik, Wirtschaft von gurkenwasser am 11. November 2009

IMG_1813Erst Pleite, dann doch nicht. Erst Insolvenz, dann Verhandlungsführer. Erst Russland, dann Amerika.

Was den Bürger nicht zum Kauf anregt, gebührt des Steuerzahlers Leistung. Noch vor wenigen Tagen schien die Entscheidung klar, der Vertrag so gut wie in trockenen Tüchern. Die große Mutter aus Übersee nur noch den Vertrag zu unterschreiben. Doch die Mutter überraschte zickig und entschied die kleine Tochter Opel wieder unter ihre Fittiche zu nehmen. Vor der Insolvenz noch abgenabelt, verschweißt nach der Abwicklung der Konzern wieder, was angeblich zusammen gehört.

Ohne die Frage nach den Ursachen des Absatzschwundes zu stellen, avanciert Opel zum Kern des Taus, an dessen einem Ende GM und am anderen die Vertreter der Politik zerren. Thema der Debatte der Abbau der Arbeitsplätze. Staatsgarantie. Werksschließung. Noch vor kurzem lag in der Mitte einer Diskussionsrunde der Lissabonvertrag, der Reformvertrag der Europäischen Union, in dem die Mitgliedsstaaten die Grundlage für ein rechtlich geschlossenes Europa vereinbaren. Nach außen wird folglich das Zeichen der Verbundenheit und der Geschlossenheit gesendet. Im Inneren wird währenddessen vorgeführt, dass Europa in den Köpfen der Nationalpolitiker noch nicht angekommen ist. Denn wichtig scheint, vor allem, in welchem Staat der Großteil Stellen abgebaut wird.

Wenn es der Bürger schon nicht freiwillig kauft, lastet es dem Steuerzahler auf der Schulter. Da die Attraktivität eines Opels nicht ausreichte, die Produktpalette vielleicht auch nicht das hergab und noch immer nicht hergibt was der – mehr oder weniger – zahlende Käufer visiert, sank der Marktanteil von Opel in der letzten Zeit. Das ist ein übliches Verhalten, so funktioniert die Marktwirtschaft. Das hat neben der Folge, dass ein Versagen möglich ist auch den Nebeneffekt, dass Unternehmen ständig in der Pflicht sind einen gewissen Teil ihres Umsatzes in die Erforschung und die Entwicklung neuer Technologien zu investieren. Das ist ihr Potential. Nutzen sie es nicht, müssen sie mit den Folgen leben. Eigentlich.

Die Regierung hat die Unterstützung des Unternehmens auch damit begründet, dass neben Opel auch noch eine große Anzahl kleinerer Zulieferbetriebe betroffen ist und sogartig mitgezogen würde. Wer also gehandelt hat wie ein Subunternehmer und alles auf ein Pferd, in dem Fall Opel, gesetzt hat, darf sich also auch als Gewinner staatlicher Unterstützung fühlen. Rechnet man diese Arbeitsplätze – Opel und Zulieferer – zusammen erhält man die Summe Menschen, die im künstlich am Leben erhaltenen Arbeitsmarkt beschäftigt sind. Die Summe Menschen, denen vorgegaukelt wird, ihr Schaffen und ihr Tun werde gebraucht.

Den ersten Lichtblick hätte man erahnen können, als der Beschluss »mehr für Bildung« in den Köpfen angekommen ist. Der zweite wird sein, dass neue Schulgebäude und restaurierte Universitäten kein Wissen vermitteln können.

Etwas ganz besonderes

Veröffentlicht in Gesellschaft, Kognition von gurkenwasser am 29. Oktober 2009

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Die Bahn hat 10 Minuten Verspätung. Man sieht den eigenen Atem, aber wartet gerne. Im weiten Nebel sieht man langsam quietschend zwei müde Lichter deutlich werden und langsam kommt der Zugwagen der alten verdreckten S-Bahn zum stehen. Die Scheiben sind beschlagen von Wärme und morgigem Atem. Menschen lesen sitzend in Buch und Zeitung oder stehen wartend auf das Aufschnellen der Türen im aufgedunsenen Mittelgang. Dick verpackt im herbstlichen Morgen, die Sonne müht sich, erlebt man die tiefgründige Bedeutung der Solidarität. Inmitten einer engen Gemeinschaft, gesichert vor dem Fall, beschützt vor der Kälte, still wie ein Blatt altes Papier. Noch bevor die Räder stillstehen sehen die verquollenen Gesichter in die selbe Richtung. Ein kräftiger Ruck, wenige Schritte und die Schlange steht friedsam gereiht dem Aufstieg der Bahnhofstreppen entgegen.

Kaum fassbar, denkt der Überblickende in der bunten Masse und wundert sich über die Proportion Menschen Masse Bahn Wagon. Umso erstaunlicher die verblüffende aus monetären Beweggründen entstehende Gegenüberstellung der sich darbietenden Varianten. Beschriebenes Verfahren ist Luxus, Individualität ist kümmerlich. Das blechern bordierte Fahren, die Präferenz der Bevölkerung in Sachen Bewegung, ist der zur Realität gewordene Kostenvorteil. ÖPNV vs. Individualverkehr. Trotz verlässicher Verspätung, genügsamer Ausstattung und einem nicht verstellbaren Sender als Sound, entpuppt sich die Fahrt mit den ökologisch enthaltsameren öffentlichen Verkehrsmitteln als teure und zu vorgegebenen Zeiten eher als nachteilig anzusehende Möglichkeit der Fortbewegung. Was jedoch in reibungslosen Intervallen optimaler Funktion zukommt, sind die Fahrkartenkontrolleure. Roboterartig in monotonem Seuselton tackert der Beschäftigte durch die wechselnd vollen Abteile. Lob ist hier angebracht. Wer sich verlassen will, gar an Zugkombinationen auf seiner Reise angewiesen ist, wünscht sich dieses Vertrauen auch an manchen Tagen der Pünktlichkeit entgegenbringen zu können.

Was bleibt, immer und immer wieder in den Kopf schießt, ist jedoch der Zielkonflikt der Ökologie mit der Ökonomie. In diesem Fall versteht sich. Während der Steuerzahler sich einer künstlichen Lebenserhaltungsphase der Automobilindustrie keineswegs zu schade ist, gar Subventionen in Form von Verschrottungsprämien ins Feuer der Marktwirtschaft wirft, pustet der Wartende auf dem Bahnsteig noch immer den sichtbaren Atem in die Luft und freut sich seine Füße sehen und bewegen zu können.

E-Book-Reader auf dem Vormarsch

Veröffentlicht in Kognition, Lesen von gurkenwasser am 17. Oktober 2009

Zu einer Zeit, in der man von E-Book-Reader nur lesen, aber noch nichts sehen konnte, war meine Fantasie dafür zuständig Bilder dieser kleinen viereckigen Geräte zu zeichnen. Mittlerweile – spätestens seit der Buchmesse – sind die Geräte überall abgebildet. Auch in den Zeitungen liest man Artikel über die Revolution des Lesens, während man mit einem Ohr vernimmt, dass Google sich mit zahlreichen Verlagen über die Legitimität des Digitalisierens von Printmedien („Einscannen“) streitet. Obwohl diese Tatbestände und Gegebenheiten vor einem gewissen sinnstiftenden Hintergrund abgetratscht werden, stellt sich mir dennoch die Frage nach dem Nutzen. Wo wird das so genannte Kindle, das Gerät zum Lesen der E-Books, auf dem Markt positioniert? Welche Klientel soll damit angesprochen werden? Vermutlich wird es irgendwo zwischen Notebook und Smartphone aufgestellt sein in der Zielgruppe der zukunftsversierten Bildschirmjunkies.

Dennoch will sich mir die Vorstellung, zukünftig das Lesen auf einem Bildschirm zu praktizieren, nicht so ganz einprägen. Das hat wahrscheinlich den Grund, dass beim Lesen eines Buches eine gewisse Atmosphäre erzeugt wird, das Umblättern – so unterbewusst es doch ist – beim Lesen auf elektronischem Grund wegfällt. Der Duft des bedruckten Papiers durch den des Plastiks ersetzt wird.

Weiterhin wird das Lesen auf einem Kindle vermutlich nicht nur den Büchermarkt betreffen, sondern sich auf den Informationsmarkt der Zeitungen ausweiten, sodass einem der allmorgendliche Weg zum Briefkasten erspart bleibt und das Kindle die Zeitung per e-paper schon vor dem Aufstehen parat hält. Neben des himmlischen Dufts frischer Druckerschwärze würde auch hier die Atmosphäre fehlen und sich die Angst, das Gerät mit Kaffee zu tränken, breit machen.

Was die Anwendungen angeht, stellt sich mir ohnehin das Rätsel, weshalb ich in ein Kindle investieren sollte, wenn das Smartphone oder das Notebook ohnehin mit dieser Funktion betraut sind. Für jegliche Zwecke, sei es das Lesen im ÖPNV oder im trauten Heim, sind die Lösungen nach meiner Ansicht vollkommen und ausgereift und das Kindle wäre somit nicht wettbewerbsfähig. Das Smartphone als mobile und kompakte Lösung schreiten dem Kindle ebenso vorweg wie das Notebook, das ein vielfaches der Funktionen vereint. Ich bin gespannt, ob sich diese Lösung etabliert.

Georg Schramm

Veröffentlicht in Freiraum, Politik von gurkenwasser am 14. Oktober 2009

Georg Schramm als nörgelnder alter Renter Lothar Dombrowski beim Scheibenwischer 2003. Leider gibt es den Scheibenwischer als solchen nicht mehr. Die aktuell an dieser Stelle praktizierte Leichtkost Satire Gipfel wendet sich – in meinen Augen – immer mehr vom politischen Kabarett ab und hätte auch Zwerch trifft Fell 2 oder Comedy Gipfel heißen können.

Ps. Obwohl ich hier nie Videos verlinken wollte, komme ich hier einfach nicht drumherum.

München

Veröffentlicht in Freiraum von gurkenwasser am 13. Oktober 2009

hEs war nicht gelogen, alle Vorurteile wurden bestätigt. München ist eine tolle Stadt.

Die Reise hat einige Zeit, Mühe und Schmerzen gekostet. Mit der gewöhnlichen Verspätung der kleinen roten S-Bahn geht es also auf den Weg zur großen weißen schnellen Eisenbahn, dem ICE. Der volle Bahnsteig und die Menschentraube, die sich beim Öffnen der Türen vor jedem Eingang bildete zeigt, was die Bahn mit ihrer Ankündigung meinte: Es wird voll, reservieren sie sich einen Sitzplatz. Zu allem Frust rebellierte die Technik und die Fahrt startete mit einem Zugabteil weniger. Bei gleicher Anzahl Menschen konnte also beruhigt die Abteilheizung abgedreht werden. Menschen stapelten sich, nahmen auf dem Boden Platz und fabrizierten ganzheitlich, an eine Laola-Welle erinnernde, Stand-ups bei jedem Durchstolpernden auf dem Weg zum Hygienecenter. Im Schiefstand memorierte ich: Weiss’e Bescheid. Rückfahrt wird besser.

Am Münchner Hauptbahnhof angekommen und alle Knochen sortiert, also auf den Weg durch das dunkle München. Erster Eindruck: Frankfurt, nur irgendwie sauberer. Die Meinung änderte sich jedoch umgehend nach dem Aussteigen am Marienplatz und den vor einem Schaufenster musizierenden Musikanten. Wo man überall Geige, Akkordeon oder Mundharmonika vermutet, spielen in Münchens Innenstadt orchestrale Combos aus aufgestelltem Flügel, Violine, Kontrabass und dem anderen notwendigen Handwerkszeug. Wo im Normalfall eine Mütze mit dreckigem Geld liegt, steht hier ein Tisch mit Decke und zum Kauf angebotenen CDs der Kapelle. Die Menschen bleiben stehen, lauschen, klatschen freudig und spenden lachend für das Dargebotene. Der Platz auch ansonsten mit kleinen friedlich wirkenden Inseln aus Menschen vollgestellt. Die Stimmung ist gut.

Auch während des Streifzuges am hellen Tag trügt der Schein nicht, dass ein gewisses Wohlgefühl über der Stadt liegt. Aber das erwähnte ich bereits an anderer Stelle. Im Englischen Garten tummeln sich Lauffreudige ebenso wie Hunde mit Menschen und andächtig einladende Parkbänke in den harmonischsten Ecken. Sogar der Biergarten im Herzen ist nicht nur zu Fuß erreichbar, sondern sorgt auch mit einer Bushaltestelle für eine trockene Rückkehr im Regenfall. Historische Sehenswürdigkeiten bedienen die Augäpfel ebenso wie der im Olympiapark stehende Olympiaturm, von dem aus man in 260 Meter Höhe einen fantastischen Blick über die Stadt hat. Ohne Wolken- und Regenfilter vor der Sonne soll man sogar die Berge sehen können.

Drei Fußmärsche und ein erfolgreiches Fußballspiel weiter, wir befinden uns in einem Gasthof und ich darf erfahren wie es sich anfühlt nicht die bayrischen Biergepflogenheiten zu kennen. Dass zwischen einem Hefeweizen und einem Hefe ein Unterschied von mindestens hell bis dunkel liegt, dadrauf bin ich erst nach der freundlich aufklärenden Beratung der Bedienung gekommen.

Neben richtungswechselnden Rolltreppen und ultramodernen U-Bahnen bleibt aber festzuhalten: München ist eine Großstadt, wie jede andere auch. Aber es wird bestimmt nicht mein letzter Besuch gewesen sein.

Politik oder Macht und Geld

Veröffentlicht in Freiraum, Kognition, Politik von gurkenwasser am 10. Oktober 2009

Da liegt es also, das Jamaika im Saarland. Schwarz, gelb grün. Aber auch in Thüringen: die Sozialdemokraten verhandeln mit der CDU. In beiden Fällen wird als Anlass für diese Marschrichtungen das mangelnde Vertrauen gegenüber der Linkspartei weitergereicht. Die SPD kann besser mit der Union. Große Koalition als einzige Möglichkeit für die SPD an die Regierung zu kommen. Wie man es auch betitelt, fragwürdig ist die Lage allemal. Auf den ersten Blick scheinen, jetzt nach der Bundestagswahl, die Lager wieder deutlich zu sein. Doch wenn man genauer hinschaut, bildet sich da um die Linkspartei eine Mauer, die weniger aus Vorurteilen, mehr aus argumentativen Bausteinen errichtet wird. Naumann schreibt in der aktuellen Ausgabe der ZEIT von einem paradoxen Ringen um Wählerstimmen, was – zugegeben nicht nur – von der Linkspartei an den Tag gelegt wurde. Dennoch ist es ein Wegweiser, der auf die Richtung zeigt, den die Parteienpolitik bereit ist zu gehen um gewählt zu werden, um an der Macht zu bleiben oder an die Macht zu kommen. Mit der Macht ist – das sei angemerkt – das Amt gemeint, das in erster Linie zum Gestalten der zukünftigen Legislaturperiode ausgeübt wird. Aber eben auch, aus Sicht der Akteure – zum Broterwerb.

Scheinbar ist es vorbei mit der Zeit, in der hinter diesen Ämtern ein gewisser Ehrgeiz, eine moralische Verpflichtung steht. Vorbei dir Zeit in der Politik als Ziel zur Verbesserung der gesellschaftlichen Situation angesehen wird, wo hinter Inhalten angesehene Persönlichkeiten stehen. Wer heute in der Parteienlandschaft die jüngeren Mitglieder nach deren Zukunftsperspektive fragt, nach deren Berufswunsch, der darf sich nicht wundern, wenn einem als Antwort »Politiker« entgegen geschmettert wird. Wenn also Naumann schreibt dass die Wähler Angela Merkel – nun ja, einfach netter fanden. Und von der Wirtschaft verstünde sie, die noch nie auf dem freien Markt tätig war, einfach mehr als die Sozialdemokraten, dann darf man sich wundern, denn die erste Frau im Land lebt es uns immerhin vor und zeigt wie es geht. Kompetenz durch Schweigen und Abwarten. Zwischendurch vernimmt man, dass der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, für seinen Geburtstag das Kanzleramt als Partylocation zur Verfügung gestellt bekommt und die Geschichte mit Geldspenden an FDP und CDU (je 200.000 Euro) fein abrundet. Korruptionsvermutung hin, Marionettenvermutung her, aber dass dieses Thema nicht einer tiefergehenden Behandlung unterzogen wurde schmerzt dann doch im Demokratiesystem.

Ob es die geschürten Zukunftsängste vor Altersarmut sind oder die lukrative Anstellung auf Lebenszeit, der „Beruf“, der allem Anschein nach alle Facetten einer Berufung verloren hat, wird zahlreich entlohnt und das wird angestrebt. Opportunisten an die Spitze! Mit Sicherheit auch ein Grund für manche Handlungen und Entscheidungen, denn so ganz unabhängig ist man als Berufspolitiker ohne Erfahrung in außerpolitischen Tätigkeiten nicht.

Die SPD und der Status Volkspartei

Veröffentlicht in Politik von gurkenwasser am 6. Oktober 2009

Jetzt hat die SPD also eine neue Führungsriege. Aus welcher Sicht man es auch betrachtet, die Wähler werden ihrer Abkehr stets bestätigt, das Kreuz an der richtigen Stelle gemacht zu haben. Wo auch immer. Die CDU beruft sich trunken voller Eigenlob selbst auf den Thron die einzig noch überbliebene Volkspartei zu sein, die Linke fühlt sich in ihrer Position als Kraft links außen vom Wähler bestätigt und die FDP – noch im Siegestaumel – überschlägt sich ohnehin vor Freude. Einzig die Grünen üben Zurückhaltung.

Doch statt sich der klärenden und substanziellen Diskussion hinzugeben, die Ursachen und Hintergründe für das schlechte Abschneiden am Wahlsonntag zu erforschen, sägen sie noch keine 48 Stunden nach Schließung der Wahllokale ihre Galionsfiguren ab und schüren sich die scheinbar notwendigen Sündenböcke. Und noch bevor die inhaltlich klärende Debatte über die Zukunft und den einzuschlagenden Weg geführt wird, präsentiert sich die neue Führungsmannschaft. Bleibt nur zu hoffen, dass die inhaltliche Abstimmung ebenso schnell von statten geht, damit das rhetorische Schwergewicht Gabriel sinnbildlich die Kohlen aus dem Feuer holen kann. Denn eines dürfte unumstritten sein, mit der bisherigen Gliederung des zwei-Volksparteien-Systems hat die Demokratie hervorragend funktioniert. Die gesellschaftlichen Folgen einer einzigen starken Volkspartei und einer im Unklaren definierten Opposition, einem Pool aus Klientelparteien, wären verheerend.