[gurkenwasser]

Die Bahn kommt.

Posted in Kognition by gurkenwasser on 24. Juli 2009

Blauer Himmel, Sonnenschein, Mittagszeit.

Auf dem Bahnsteig ist es ruhig. Die Meute wartet auf das Eintreffen der Bahn. Endlich. Der mit Schmutz dekorierte alte Zugwagen kommt unter quietschendem Lärm langsam zum stehen. Leute steigen aus. Manche rennen, andere schleppen sich durch das dröge Mittagstief, voll beladen mit der geschulterten Last ihres alltäglichen Lebens. Von den Gleisen strömt heiße Luft zwischen Bahn und Bahnsteig in die Höhe. Es wird laut, alles bewegt sich. Die Lautsprecher dröhnen die monotone Begrüßungsfloskel wirkungslos über den Bahnsteig. Die wartende Menschenmasse steigt ein um sich die verbleibenden 10 Minuten bis zur Abfahrt auf den noch warmen Sitzen zu vertreiben. Bücher werden aufgeklappt, Mobiltelefone kommen zum Vorschein.

Der Sitz gegenüber ist mit Filzstift vollgeschmiert. Eine junge Dame kommt durch die Tür und visiert die Sitzgruppe an, setzt sich neben die Schmiererei und beginnt akribisch ihre gefälschte Dolce und Gabbana Tasche zu ordnen. Auf ihrer Stirn haben sich kleine Schweißperlen gebildet, die auf ihrer von der Sonnenbank verbrannten Haut im Licht ein wenig glitzern. Die Hitze ist unerträglich. Ein Klingeln durchdringt die mittlerweile herrschende Mittagsruhe. Köpfe drehen sich, Augen starren die junge Dame an.

JA?

Dem Gespräch war eine gewisse Unzufriedenheit der jungen Dame zu entnehmen. Ein tiefes Seufzen kommt von hinten. Unzumutbares Gefasel durchdringt die Gehörgange der Reisenden.

…Alter, hör mir gefälligst zu…

Kein Ausweg, keine Möglichkeit dem Übel zu entkommen. Böse Blicke fliegen durch den Raum. Dank der lukrativen Flatrate meines Mobilfunkanbieters überdauert das plärrende Gespräch Haltestelle um Haltestelle. Gedanken ersehnen das sonst so verfluchte Funkloch herbei. Vergebens. Die Situation spitzt sich zu, die Stimme wird lauter, die Füße beginnen zu wippen. Noch zwei Stationen bis zur auditiven Freiheit. Die junge Dame beschimpft und beleidigt ihren Gesprächspartner bis aufs Äußerste. Geschafft. Die Bahn hält. Von außen sieht man noch das wild mit ihren Händen gestikulierende Nevenbündel. Erbärmlich.

Zum Glück ist das alles nur erfunden.

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