[gurkenwasser]

Etwas ganz besonderes

Posted in Gesellschaft, Kognition by gurkenwasser on 29. Oktober 2009

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Die Bahn hat 10 Minuten Verspätung. Man sieht den eigenen Atem, aber wartet gerne. Im weiten Nebel sieht man langsam quietschend zwei müde Lichter deutlich werden und langsam kommt der Zugwagen der alten verdreckten S-Bahn zum stehen. Die Scheiben sind beschlagen von Wärme und morgigem Atem. Menschen lesen sitzend in Buch und Zeitung oder stehen wartend auf das Aufschnellen der Türen im aufgedunsenen Mittelgang. Dick verpackt im herbstlichen Morgen, die Sonne müht sich, erlebt man die tiefgründige Bedeutung der Solidarität. Inmitten einer engen Gemeinschaft, gesichert vor dem Fall, beschützt vor der Kälte, still wie ein Blatt altes Papier. Noch bevor die Räder stillstehen sehen die verquollenen Gesichter in die selbe Richtung. Ein kräftiger Ruck, wenige Schritte und die Schlange steht friedsam gereiht dem Aufstieg der Bahnhofstreppen entgegen.

Kaum fassbar, denkt der Überblickende in der bunten Masse und wundert sich über die Proportion Menschen Masse Bahn Wagon. Umso erstaunlicher die verblüffende aus monetären Beweggründen entstehende Gegenüberstellung der sich darbietenden Varianten. Beschriebenes Verfahren ist Luxus, Individualität ist kümmerlich. Das blechern bordierte Fahren, die Präferenz der Bevölkerung in Sachen Bewegung, ist der zur Realität gewordene Kostenvorteil. ÖPNV vs. Individualverkehr. Trotz verlässicher Verspätung, genügsamer Ausstattung und einem nicht verstellbaren Sender als Sound, entpuppt sich die Fahrt mit den ökologisch enthaltsameren öffentlichen Verkehrsmitteln als teure und zu vorgegebenen Zeiten eher als nachteilig anzusehende Möglichkeit der Fortbewegung. Was jedoch in reibungslosen Intervallen optimaler Funktion zukommt, sind die Fahrkartenkontrolleure. Roboterartig in monotonem Seuselton tackert der Beschäftigte durch die wechselnd vollen Abteile. Lob ist hier angebracht. Wer sich verlassen will, gar an Zugkombinationen auf seiner Reise angewiesen ist, wünscht sich dieses Vertrauen auch an manchen Tagen der Pünktlichkeit entgegenbringen zu können.

Was bleibt, immer und immer wieder in den Kopf schießt, ist jedoch der Zielkonflikt der Ökologie mit der Ökonomie. In diesem Fall versteht sich. Während der Steuerzahler sich einer künstlichen Lebenserhaltungsphase der Automobilindustrie keineswegs zu schade ist, gar Subventionen in Form von Verschrottungsprämien ins Feuer der Marktwirtschaft wirft, pustet der Wartende auf dem Bahnsteig noch immer den sichtbaren Atem in die Luft und freut sich seine Füße sehen und bewegen zu können.

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