[gurkenwasser]

Eine kurze Bertrachtung der allgemeinen Situation. Oder: Herbst.

Posted in Freiraum by gurkenwasser on 26. November 2009

Die Sonne geht jetzt später auf, dafür aber auch früher unter. Die Menschen auf der Straße haben jetzt Wollmützen auf ihren Köpfen und schnaufen sichtbar durch die bunten Blätter, die von den Bäumen gefallen sind. Im Café ist es dafür ab sofort umso wärmer. Kaum auszuhalten, wenn man aus der semifrostigen Natur mit den Handschuhen und den roten Bäckchen einkehrt. Nur gut, dass wir uns vorher mit Hilfe der Zwiebelmethode angezogen haben und uns nach der Ankunft befreiend schälen und den warmen Wams in die Ecke der alten Holzbank legen können.

Wie üblich tippen wir, uns in einer gemütlichen Sitzhaltung befindend, auf dem Glas des Smartphones herum den neuen Stand unserer Uni oder der brennenden Uni zu erkundigen. Als für vor drei Jahren frisch Immatrikulierte immerhin die gefühlte Pflicht sich zu informieren und den kämpfenden anwesenden Kommilitonen geistige Solidarität zu bekunden. Die lassen sich währenddessen aus dem seit längerem besetzten Hörsaal scheuchen. Scheuchen oder freundlich Bitten. Immerhin ist eine Eskalation von keiner Seite erwünscht. Weder die Regierung, noch die ausführende Gewalt in Form der Polizei, noch die demonstrierenden Studenten vertreten einen anderen, als den friedlichen Weg des Aufstands. Plakativ wird die schlechte Bildungssituation bestreikt und die Empfänger des Symbols stellen sich, Urheber der Situation, fein sauber eingereiht an die Schulter der Demonstrierenden. Mehr Geld soll fließen. Das Problem ist bekämpft, denn es herrscht wieder Ruhe im Staate. Denn ebenso fein wie an die Schulter gestellt, haben die Entscheider die aufbegehrende Meute um den Finger gewickelt. Mehr Geld soll fließen. Das klingt gut, nicht nur in den Ohren der Beteiligten. Auch die Medien haben fleißig Material zum senden und berichten um auch allen nicht Betroffenen das Signal in den Kopf zu setzen: Für die Bildung, da wird was getan. Das ist immerhin unser Kapital, unsere Zukunft.

Wer jedoch große Erwartungen hatte, Erwartungen, dass sich tatsächlich was bewegt im eingefahrenen starren Gefüge, der wurde enttäuscht. Mehr Geld soll fließen klingt nämlich nur auf den ersten Metern nach spirit. Wie man beobachten darf – und das ist eine subjektive Meinung, die sich in ihrer Art selbst nicht übertreffen könnte – fließt das Geld vornehmlich in die Finanzierung der maroden Gebäude. Die örtliche Bibliothek leckt nicht nur in ihrem Bestand, sondern auch an den Öffnungszeiten, die in der nahen Vergangenheit sogar verkürzt wurden.

Auf der Straße war wohl einiges los, die Reaktion war auch prompt. Nur das Ergebnis ist unbefriedigend. An der eigentlichen, moralischen Unkultur, dem Marionettendasein der Studenten Hochschüler ist mit Geld in erster Linie nichts zu ändern. Lebenszeit kann man ebenso wenig erwerben wie den Tag durch künstliche Methoden verlängern. Das eigentlichen Kapital, die Fähigkeit nachzudenken und ein Problem zu verstehen kann man nur durch Zeit, durch viel Zeit kreieren und ausbilden. Das Modell, eine Hochschule – wie einst Till Eulenspiegel – wörtlich als die Fortsetzung der weiterbildenden Schule zu verstehen, deren Ziel es ist das Klassenziel zu erreichen, ist konträr zum Ziel neugierige und wissensdurstig motivierte Menschen zu fördern. Das Gehirn kann nur durch eins trainiert werden: durch die Benutzung. Im Verfahren des Lernens auf Ziel, des Lernens für das Bestehen einer Klausur wird dieser Prozess jedoch nicht gefordert. Die Fähigkeit Probleme zu lösen, komplexe Probleme für die keine Musterlösung in keinem Lehrbuch existent sind, die geht in diesem Sinne verloren. Als Nebeneffekt wirkt die dadurch entstehende Demotivation und die Angst zu versagen hervorgerufen. Erzeugt wird also ein Mensch, dem das Denken fremd wird. Der nicht mehr in der Lage ist eigenständig Entscheidungen zu treffen und diese nachhaltig zu vertreten.

Dem Lautesten schenken wir Gehör und dem Stärksten unseren Respekt. So ist es nicht verwunderlich dass wir auf den Glasbildschirmen der Smartphones Meldungen lesen von »einem 600-köpfigen Aufgebot der Polizei um ein von 35 Personen besetztes Haus zu räumen.« Oder das respektierende Zuhören und anschließende Besinnen, das auf die Reaktion der Regierung auf den Bildungsstreik zu beobachten war.

Wir sitzen einfach nur da, trinken unseren Latte Macchiato und wärmen uns die Hände beim Umklammern des Glases. Betroffenheit, wieso? Ich hab nix gemacht.

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