[gurkenwasser]

Trash-TV

Posted in Gesellschaft, Kognition by gurkenwasser on 7. Januar 2010

Es ist ein Format. Und es passt wie angegossen. Zwischen all den als alt und verstaubt titulierten Showauftritten und Schauspielen, die noch vor kurzer Zeit von der Mattscheibe flimmerten, als man das Wort primetime nur aus dem Englischen kannte und keineswegs mit einem Rundfunkprogramm in Verbindung brachte. Das war vermutlich zur selben Zeit, als öffentliche Auftritte ein bestimmtes qualitatives Niveau erreicht haben mussten um gesendet zu werden. Müll. Das Konzept war mies und die Zuschauer stellten immerhin Anforderungen. Außerdem mussten sie der Handlung aufmerksam folgen und verdeckte Zusammenhänge erkennen.

Der Versuch ein entspannteres, ein leichteres und mental nicht ganz so fesselndes Programm auf die Beine zu stellen darf als geglückt betrachtet werden. Denn was derzeit nach der Tagesschau, speziell aus der Schmiede der privaten Sendeanstalten die Pupillen der Zuschauer trifft gleicht einer kulturellen Vergewaltigung. Hereinspaziert, hier ist für jeden was dabei. Attention. Sehr verehrtes Publikum, am Montag zeigen wir ihnen das neuste aus dem Menschenzoo. Einzigartig und nur bei uns sehen sie Menschen vor einer Kamera die das tun, was jeder andere auch tut. Und das live! Am Dienstag dann dicht gefolgt mit dem Neusten aus dem Bereich Justiz. Seien sie dabei wenn Peter Zwegat einer Hand voll in Schulden geratenen Vollpfosten erklärt, dass 1+1 eben nicht 11 ist. Schlag auf Schlag geht es weiter mit dem kommentierten Howto Wie erziehe ich meine Kinder. Donnerstag wird es musikalisch. Verpassen sie auf keinen Fall den Castingwahnsinn mit Heidi Klum, Dieter Bohlen und allen den anderen semiprofessionellen Entertainmentspitzen aus dem Medienetablissement. Und wer noch nicht genug hat, der kann sich im Vor- und Nachmittagsprogramm dann von all den anderen unbekannt entdeckten Größen zeigen lassen, wie man das Leben auf die Beine stellt. Es geht los mit Wie erziehe ich mein Kind, weiter mit Wie kaufe ich mir eine Wohnung und passend dazu Wohnungseinrichtung leicht gemacht. Nachmittags reist der Faden nicht mit Abgehauen von zuhause – so sieht die Welt aus und Familienglück Singleleben. Für jede Lebenssituation eine »Doku«. Das ist interessanter als selber machen. Echt.

Anspruchslos ist das neue Anspruchsvoll. Kein Drehbuch, keine Handlung und vor allem keine Schauspieler. Wer die Drehbücher der James Bond Reihe nebeneinander legt, wird vermutlich überrascht sein, wie dünn heute 120 Minuten sein können. Nicht die Handlung, sondern die Personen stehen im Vordergrund. Es kommt nicht auf die Geschichte an, sondern wer die Geschichte spielt.

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