[gurkenwasser]

Das Internet

Posted in Gesellschaft, Kognition, Netz by gurkenwasser on 12. Februar 2010

Wird vom Internet berichtet, hängt dem Tenor meist ein negatives Fähnchen an und die Akteure stellen fast ausnahmslos die Gefahr heraus, die der Gesellschaft durch das Wachsen der Internataffinität bevorstehen. Egal ob der Untergang des konservativen Medienformats, die zahlreichen Möglichkeiten der Urheberrechtsverletzung oder schlicht die sich zum Negativen wendende Aufmerksamkeitsfähigkeit des Menschen. Die durch die steigende Bedeutung des Internets wachsenden Großkonzerne werden mit einem kritischen Auge betrachtet und Unternehmen die sich gegen die Konzeption mit dem Internet zu arbeiten entschieden haben, werden als Moralaposteln der hierarchieverliebten Gesellschaft gehievt. Das im Mittelpunkt stehende Argument ist meist das immer gleiche: »ohne war alles besser« und »mit, ist unser Geschäftsmodell in Gefahr«. Kritische und Skeptische werden somit in ihrer ängstlichen Haltung gestärkt und setzen sich mit der Thematik erst gar nicht auseinander. Trotz der bremsenden Auswirkungen auf den Fortschritt ist das aber keine Neuigkeit, mehr ein altbekanntes Muster. Bahnbrechende Innovationen wurden schon seit jeher in erster Linie auf die durch sie ausgelösten Veränderungen in der planierten gesellschaftlichen Struktur geprüft, bevor sie sich etablierten. Die Erfindung des Automobils vernichtete die Daseinsberechtigung der Dampfmaschine und die Kassette verdrängte nicht nur die Langspielplatte, sondern tangierte zum ersten Mal mit der Aufnahmefunktion das Vermarktungsmodell der Musikindustrie. Entwicklung oder Fortschritt, so mag man annehmen, ist was schlimmes und jeder sollte das Recht haben einmal stehen bleiben zu dürfen, ohne direkt überholt zu werden. Stehen bleiben und orientieren oder stehen bleiben um stehen zu bleiben. Zwei nahe und doch so verschiedene Varianten ein Leben zu leben, denn wer den Anschluss einmal verpasst hat, knüpft nur schwer wieder an. Das weiß jeder, der schonmal einem Bus oder einer Eisenbahn hinterhergelaufen ist. Schneller und schneller und immer schneller.

Dabei redet doch jeder, der sich mit dem Arbeits- und Informationsmedium Internet direkt und ausgiebig beschäftigt hat, vielleicht auch einfach nur Lust auf einen Alltagswechsel hat, von Entschleunigung. Entschleunigung. Das muss man zweimal lesen um alle negativ mitschwingenden Gedanken wegzuwischen. Wer will schon stehen bleiben? Wer will schon langsamer sein als die Anderen? Ein Auto mit einem Motorschaden rollt entschleunigend aus. Bis zum Stillstand. Dabei steckt in dem Wort vielmehr als nur ein Stillstand. Ich verbinde mit einer Entschleunigung den Ausstieg aus einem sich viel zu schnell drehenden Karussell voller Informationen, in der Schnelle werden alle – so wirkt es – entgegenkommenden Informationen unscharf, alles wirkt verschwommen und undeutlich. Den Durchblick verliert man auf so einem Höllengefährt schnell und nur wer rechtzeitig absteigt, stehen bleibt und sich orientiert findet wieder eine Gegenwart voller detailgetreuer Umrisse. Da »stehen bleiben und sich orientieren« in starkem Maße vom Rückschritt differenziert, lebt auch die Informationsgesellschaft vom Testen und Ausprobieren. Die Möglichkeit alles haben zu können, eine leicht zugängliche sich ständig aktualisierende und nie endende Informationsquelle, die zudem schnell und vielsichtig ist, gab es bisher in diesem Maße noch nicht. Wir müssen uns also erst an die neuen Umstände gewöhnen und einen passablen Umgang lernen um nicht im Informationsüberfluss unterzugehen. Jeder kann zwar alles haben, aber nicht jeder kann mit allem umgehen und so wird sich nur der im Informationsfluss zurechtfinden, der einen geeigneten Umgang damit übt. Die einen haben sich mit Informationen besoffen und brauchen eine Entschleunigung, anderen steht das vielleicht noch bevor.

Ab ins Körbchen

Posted in Gesellschaft, Kognition, Politik by gurkenwasser on 19. Januar 2010

»Wer?« – »Angela Merkel.«

Sollte der Bundeskanzler Frau Dr. Merkel in naher Zukunft in einer Talkrunde gastieren, würde der passende Untertitel vermutlich nicht »Bundeskanzler« lauten, sondern »eigentlich Bundeskanzler«. Denn alles staatsmännische, alles was man mit einem Regierenden verbindet, verkörpert die Dame im Gegenteil. Ungefähre Äußerungen zu belastenden Themen, Deeskalierungskurs mit der Opposition und eine mangelhafte Kommunikation mit der Meute. Ob aus Angst oder aus Vorsicht, dass sie nichts kaputt machen will ist deutlich.

Nachdem die größte Oppositionspartei wieder zurück am Sprachrohr ist und fleißig am aktuell tranchierten Spendengulasch der liberalen Hotellerie mitwatscht, wäre ein starkes Wort der Regierenden wünschenswert. Immerhin wird dem selbsternannten Traumduo eine düpierende Administration vorgeworfen. Aber auch hier gilt die Gluckentaktik: aussitzen statt ausschwitzen. Der eine Prophet trompetet deutliche Klarheit nach den NRW-Wahlen, ein anderer vermutet einen tief sitzenden merkel’schen Schmerz nach dem Versuch der Eindeutigkeit der Worte am Anfang der großen Koalition Vol.2. Im Grunde treffen sich beide Szenarien an der Wurzel: Ziel ist das Gewinnen von Wahlen. Und wer nichts sagt, kann auch nichts falsches sagen. Vermutlich werden sich beide Hellseher die Wänste vor Lachen kaum halten können, wenn es der geistreiche Wähler am Wahltag imitiert und das Herrschaftsvolk ignoriert. Wer nichts wählt, kann auch nichts falsches wählen. Anne Will wird dann abends in einem Wahl Spezial mit der Frage eröffnen wie es zur niedrigsten Wahlbeteiligung der Geschichte und gleichzeitig zum historisch schlechtesten Wahlergebnis der Union kommen konnte. Volker Kauder wird aus dem Konrad-Adenauer-Haus live zugeschaltet sein und etwas sagen wie »Die CDU-Wähler sind an diesem Sonntag zuhause geblieben«. Und nach einer Woche Schlagzeilenfeuer und Amtsverlautbarungen kehrt wieder Ruhe ein in der politisch abgeflachten Landschaft.

Trash-TV

Posted in Gesellschaft, Kognition by gurkenwasser on 7. Januar 2010

Es ist ein Format. Und es passt wie angegossen. Zwischen all den als alt und verstaubt titulierten Showauftritten und Schauspielen, die noch vor kurzer Zeit von der Mattscheibe flimmerten, als man das Wort primetime nur aus dem Englischen kannte und keineswegs mit einem Rundfunkprogramm in Verbindung brachte. Das war vermutlich zur selben Zeit, als öffentliche Auftritte ein bestimmtes qualitatives Niveau erreicht haben mussten um gesendet zu werden. Müll. Das Konzept war mies und die Zuschauer stellten immerhin Anforderungen. Außerdem mussten sie der Handlung aufmerksam folgen und verdeckte Zusammenhänge erkennen.

Der Versuch ein entspannteres, ein leichteres und mental nicht ganz so fesselndes Programm auf die Beine zu stellen darf als geglückt betrachtet werden. Denn was derzeit nach der Tagesschau, speziell aus der Schmiede der privaten Sendeanstalten die Pupillen der Zuschauer trifft gleicht einer kulturellen Vergewaltigung. Hereinspaziert, hier ist für jeden was dabei. Attention. Sehr verehrtes Publikum, am Montag zeigen wir ihnen das neuste aus dem Menschenzoo. Einzigartig und nur bei uns sehen sie Menschen vor einer Kamera die das tun, was jeder andere auch tut. Und das live! Am Dienstag dann dicht gefolgt mit dem Neusten aus dem Bereich Justiz. Seien sie dabei wenn Peter Zwegat einer Hand voll in Schulden geratenen Vollpfosten erklärt, dass 1+1 eben nicht 11 ist. Schlag auf Schlag geht es weiter mit dem kommentierten Howto Wie erziehe ich meine Kinder. Donnerstag wird es musikalisch. Verpassen sie auf keinen Fall den Castingwahnsinn mit Heidi Klum, Dieter Bohlen und allen den anderen semiprofessionellen Entertainmentspitzen aus dem Medienetablissement. Und wer noch nicht genug hat, der kann sich im Vor- und Nachmittagsprogramm dann von all den anderen unbekannt entdeckten Größen zeigen lassen, wie man das Leben auf die Beine stellt. Es geht los mit Wie erziehe ich mein Kind, weiter mit Wie kaufe ich mir eine Wohnung und passend dazu Wohnungseinrichtung leicht gemacht. Nachmittags reist der Faden nicht mit Abgehauen von zuhause – so sieht die Welt aus und Familienglück Singleleben. Für jede Lebenssituation eine »Doku«. Das ist interessanter als selber machen. Echt.

Anspruchslos ist das neue Anspruchsvoll. Kein Drehbuch, keine Handlung und vor allem keine Schauspieler. Wer die Drehbücher der James Bond Reihe nebeneinander legt, wird vermutlich überrascht sein, wie dünn heute 120 Minuten sein können. Nicht die Handlung, sondern die Personen stehen im Vordergrund. Es kommt nicht auf die Geschichte an, sondern wer die Geschichte spielt.

Klimazipfel

Posted in Kognition, Politik by gurkenwasser on 23. Dezember 2009

Als Gipfel wird ganz allgemein der höchste Punkt bezeichnet. Der höchste Punkt eines Berges zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass es auf der einen Seite bergauf, auf der anderen Seite bergab geht. Etwas leichter war der Gipfel zu »Hopenhagen« zu erreichen. Nämlich vollkommen ohne Anstieg. Aber auch ohne Abstieg. Die Konferenz endete nicht nur ohne Abschlusserklärung, sonder auch ohne eine moralische Botschaft. Die Definition von Zielen für einzelne Länder, wie sie einst im Kyoto-Protokoll festgehalten wurden, steht ebenso im Ungefähren, wie das Abkommen über das zuvor viel gepriesene Zwei-Grad-Ziel.

Auf eine gewisse Weise auch nicht überraschend, denn immerhin sollten 193 Staaten am Projekt beteiligt werden. Das bedeutet 193 Stimmberechtigte. Wie schwer es sein kann unter dieser Vielzahl zu einem Konsens zu kommen wird nicht erst bewusst, wenn man sich die Absichten und Positionen der Mitglieder betrachtet. Da sind die USA, die sich im Rahmen des Klimaschutzes zum ersten Mal auf internationaler Bühne verpflichten. Die schnell wachsenden Schwellenländer wie China und Indien, die Entwicklungsländer und eben auch die EU.

Auch wenn das Bewusstsein über die Entwicklung des Klimas und der Natur in den Köpfen eingepfercht ist, wird die größte zu überwindende Blockade die verschiedenen Postionen und Perspektiven sein. Wie schon erwähnt sind die USA zum ersten Mal bereit sich konkreten Zielen in einem Abkommen zu unterwerfen. Bisher hat sich deren Wirtschaft entsprechend entwickelt, sodass Beobachter aus Entwicklungsländern aus gutem Grund die Fragen stellen dürften, weshalb der eigene Staat sich internationalen Zielen anpassen soll, während andere, größere und in ihrer Wirtschaftskraft stärkere Staaten unverändert auf Kurs bleiben. Es ist ein Paradoxon, dass die hauptsächlich klimagefährdenden Staaten auch eine übermächtige Rolle in der Entscheidungsfindung zum Klimaschutzabkommen darstellen. Schon im Wort enthalten ist die Situation der Entwicklungsländer, die mit dem Unterzeichnen des von Kopenhagen erwünschten Papiers, nur als Verlierer abschließen können.

Vielmehr als nur die Begrenzung des Schadstoffausstoßes, sollte ein Anreiz geschaffen werden, der nicht nur die Entwicklungsländer dazu bewegt auf umweltschonende Technologie in der Entwicklung zu setzen. Denn durch die Verabschiedung eines Abkommens, das weit reichende ökologische Folgen, im engeren Sinne Begrenzung und Reduzierung des Niveaus, anvisiert, rückt ein nachhaltiger Erfolg in immer weitere Ferne.

Und, was machst Du so?

Posted in Gesellschaft, Kognition by gurkenwasser on 20. November 2009

Ebenso als ich daneben stand

»Ach, Hallo. Dich hab ich ja schon lange nicht mehr gesehen. Wie geht’s Dir?«

»Halloo« mit einem Grinsen auf den Lippen »ich schreibe grade meine Examensarbeit. Ja, ich hab grad schonmal Weihnachtsgeschenke gekauft. Und selbst so?«

»Ach, ich hab ja seit letztes Jahr Arthrose in der Hüfte. Tut ganz schön weh.«

Die Gegenfrage und Antwort wäre vermutlich gewesen

»Ach, Hallo. Dich hab ich ja schon lange nicht mehr gesehen. Was machst Du so?«

»Halloo. Gut, danke und Dir?«

»Ach, ich bin seit dem letzten Jahr zuhause und knüpfe Schafdecken.«

 

Mir ist es ein Rätsel weshalb es immer wieder Menschen gibt, die sich über ihren Beruf profilieren und gegenüber Mitmenschen versuchen zu definieren. Als gäbe es kein Leben danach. Oder davor. Aber mit der Zeit ist das halt so eine Sache bei uns Schwerbeschäftigten.

Wer hat noch nicht, wer will nochmal

Posted in Gesellschaft, Kognition, Politik, Wirtschaft by gurkenwasser on 11. November 2009

IMG_1813Erst Pleite, dann doch nicht. Erst Insolvenz, dann Verhandlungsführer. Erst Russland, dann Amerika.

Was den Bürger nicht zum Kauf anregt, gebührt des Steuerzahlers Leistung. Noch vor wenigen Tagen schien die Entscheidung klar, der Vertrag so gut wie in trockenen Tüchern. Die große Mutter aus Übersee nur noch den Vertrag zu unterschreiben. Doch die Mutter überraschte zickig und entschied die kleine Tochter Opel wieder unter ihre Fittiche zu nehmen. Vor der Insolvenz noch abgenabelt, verschweißt nach der Abwicklung der Konzern wieder, was angeblich zusammen gehört.

Ohne die Frage nach den Ursachen des Absatzschwundes zu stellen, avanciert Opel zum Kern des Taus, an dessen einem Ende GM und am anderen die Vertreter der Politik zerren. Thema der Debatte der Abbau der Arbeitsplätze. Staatsgarantie. Werksschließung. Noch vor kurzem lag in der Mitte einer Diskussionsrunde der Lissabonvertrag, der Reformvertrag der Europäischen Union, in dem die Mitgliedsstaaten die Grundlage für ein rechtlich geschlossenes Europa vereinbaren. Nach außen wird folglich das Zeichen der Verbundenheit und der Geschlossenheit gesendet. Im Inneren wird währenddessen vorgeführt, dass Europa in den Köpfen der Nationalpolitiker noch nicht angekommen ist. Denn wichtig scheint, vor allem, in welchem Staat der Großteil Stellen abgebaut wird.

Wenn es der Bürger schon nicht freiwillig kauft, lastet es dem Steuerzahler auf der Schulter. Da die Attraktivität eines Opels nicht ausreichte, die Produktpalette vielleicht auch nicht das hergab und noch immer nicht hergibt was der – mehr oder weniger – zahlende Käufer visiert, sank der Marktanteil von Opel in der letzten Zeit. Das ist ein übliches Verhalten, so funktioniert die Marktwirtschaft. Das hat neben der Folge, dass ein Versagen möglich ist auch den Nebeneffekt, dass Unternehmen ständig in der Pflicht sind einen gewissen Teil ihres Umsatzes in die Erforschung und die Entwicklung neuer Technologien zu investieren. Das ist ihr Potential. Nutzen sie es nicht, müssen sie mit den Folgen leben. Eigentlich.

Die Regierung hat die Unterstützung des Unternehmens auch damit begründet, dass neben Opel auch noch eine große Anzahl kleinerer Zulieferbetriebe betroffen ist und sogartig mitgezogen würde. Wer also gehandelt hat wie ein Subunternehmer und alles auf ein Pferd, in dem Fall Opel, gesetzt hat, darf sich also auch als Gewinner staatlicher Unterstützung fühlen. Rechnet man diese Arbeitsplätze – Opel und Zulieferer – zusammen erhält man die Summe Menschen, die im künstlich am Leben erhaltenen Arbeitsmarkt beschäftigt sind. Die Summe Menschen, denen vorgegaukelt wird, ihr Schaffen und ihr Tun werde gebraucht.

Den ersten Lichtblick hätte man erahnen können, als der Beschluss »mehr für Bildung« in den Köpfen angekommen ist. Der zweite wird sein, dass neue Schulgebäude und restaurierte Universitäten kein Wissen vermitteln können.

Etwas ganz besonderes

Posted in Gesellschaft, Kognition by gurkenwasser on 29. Oktober 2009

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Die Bahn hat 10 Minuten Verspätung. Man sieht den eigenen Atem, aber wartet gerne. Im weiten Nebel sieht man langsam quietschend zwei müde Lichter deutlich werden und langsam kommt der Zugwagen der alten verdreckten S-Bahn zum stehen. Die Scheiben sind beschlagen von Wärme und morgigem Atem. Menschen lesen sitzend in Buch und Zeitung oder stehen wartend auf das Aufschnellen der Türen im aufgedunsenen Mittelgang. Dick verpackt im herbstlichen Morgen, die Sonne müht sich, erlebt man die tiefgründige Bedeutung der Solidarität. Inmitten einer engen Gemeinschaft, gesichert vor dem Fall, beschützt vor der Kälte, still wie ein Blatt altes Papier. Noch bevor die Räder stillstehen sehen die verquollenen Gesichter in die selbe Richtung. Ein kräftiger Ruck, wenige Schritte und die Schlange steht friedsam gereiht dem Aufstieg der Bahnhofstreppen entgegen.

Kaum fassbar, denkt der Überblickende in der bunten Masse und wundert sich über die Proportion Menschen Masse Bahn Wagon. Umso erstaunlicher die verblüffende aus monetären Beweggründen entstehende Gegenüberstellung der sich darbietenden Varianten. Beschriebenes Verfahren ist Luxus, Individualität ist kümmerlich. Das blechern bordierte Fahren, die Präferenz der Bevölkerung in Sachen Bewegung, ist der zur Realität gewordene Kostenvorteil. ÖPNV vs. Individualverkehr. Trotz verlässicher Verspätung, genügsamer Ausstattung und einem nicht verstellbaren Sender als Sound, entpuppt sich die Fahrt mit den ökologisch enthaltsameren öffentlichen Verkehrsmitteln als teure und zu vorgegebenen Zeiten eher als nachteilig anzusehende Möglichkeit der Fortbewegung. Was jedoch in reibungslosen Intervallen optimaler Funktion zukommt, sind die Fahrkartenkontrolleure. Roboterartig in monotonem Seuselton tackert der Beschäftigte durch die wechselnd vollen Abteile. Lob ist hier angebracht. Wer sich verlassen will, gar an Zugkombinationen auf seiner Reise angewiesen ist, wünscht sich dieses Vertrauen auch an manchen Tagen der Pünktlichkeit entgegenbringen zu können.

Was bleibt, immer und immer wieder in den Kopf schießt, ist jedoch der Zielkonflikt der Ökologie mit der Ökonomie. In diesem Fall versteht sich. Während der Steuerzahler sich einer künstlichen Lebenserhaltungsphase der Automobilindustrie keineswegs zu schade ist, gar Subventionen in Form von Verschrottungsprämien ins Feuer der Marktwirtschaft wirft, pustet der Wartende auf dem Bahnsteig noch immer den sichtbaren Atem in die Luft und freut sich seine Füße sehen und bewegen zu können.

E-Book-Reader auf dem Vormarsch

Posted in Kognition, Lesen by gurkenwasser on 17. Oktober 2009

Zu einer Zeit, in der man von E-Book-Reader nur lesen, aber noch nichts sehen konnte, war meine Fantasie dafür zuständig Bilder dieser kleinen viereckigen Geräte zu zeichnen. Mittlerweile – spätestens seit der Buchmesse – sind die Geräte überall abgebildet. Auch in den Zeitungen liest man Artikel über die Revolution des Lesens, während man mit einem Ohr vernimmt, dass Google sich mit zahlreichen Verlagen über die Legitimität des Digitalisierens von Printmedien („Einscannen“) streitet. Obwohl diese Tatbestände und Gegebenheiten vor einem gewissen sinnstiftenden Hintergrund abgetratscht werden, stellt sich mir dennoch die Frage nach dem Nutzen. Wo wird das so genannte Kindle, das Gerät zum Lesen der E-Books, auf dem Markt positioniert? Welche Klientel soll damit angesprochen werden? Vermutlich wird es irgendwo zwischen Notebook und Smartphone aufgestellt sein in der Zielgruppe der zukunftsversierten Bildschirmjunkies.

Dennoch will sich mir die Vorstellung, zukünftig das Lesen auf einem Bildschirm zu praktizieren, nicht so ganz einprägen. Das hat wahrscheinlich den Grund, dass beim Lesen eines Buches eine gewisse Atmosphäre erzeugt wird, das Umblättern – so unterbewusst es doch ist – beim Lesen auf elektronischem Grund wegfällt. Der Duft des bedruckten Papiers durch den des Plastiks ersetzt wird.

Weiterhin wird das Lesen auf einem Kindle vermutlich nicht nur den Büchermarkt betreffen, sondern sich auf den Informationsmarkt der Zeitungen ausweiten, sodass einem der allmorgendliche Weg zum Briefkasten erspart bleibt und das Kindle die Zeitung per e-paper schon vor dem Aufstehen parat hält. Neben des himmlischen Dufts frischer Druckerschwärze würde auch hier die Atmosphäre fehlen und sich die Angst, das Gerät mit Kaffee zu tränken, breit machen.

Was die Anwendungen angeht, stellt sich mir ohnehin das Rätsel, weshalb ich in ein Kindle investieren sollte, wenn das Smartphone oder das Notebook ohnehin mit dieser Funktion betraut sind. Für jegliche Zwecke, sei es das Lesen im ÖPNV oder im trauten Heim, sind die Lösungen nach meiner Ansicht vollkommen und ausgereift und das Kindle wäre somit nicht wettbewerbsfähig. Das Smartphone als mobile und kompakte Lösung schreiten dem Kindle ebenso vorweg wie das Notebook, das ein vielfaches der Funktionen vereint. Ich bin gespannt, ob sich diese Lösung etabliert.

Politik oder Macht und Geld

Posted in Freiraum, Kognition, Politik by gurkenwasser on 10. Oktober 2009

Da liegt es also, das Jamaika im Saarland. Schwarz, gelb grün. Aber auch in Thüringen: die Sozialdemokraten verhandeln mit der CDU. In beiden Fällen wird als Anlass für diese Marschrichtungen das mangelnde Vertrauen gegenüber der Linkspartei weitergereicht. Die SPD kann besser mit der Union. Große Koalition als einzige Möglichkeit für die SPD an die Regierung zu kommen. Wie man es auch betitelt, fragwürdig ist die Lage allemal. Auf den ersten Blick scheinen, jetzt nach der Bundestagswahl, die Lager wieder deutlich zu sein. Doch wenn man genauer hinschaut, bildet sich da um die Linkspartei eine Mauer, die weniger aus Vorurteilen, mehr aus argumentativen Bausteinen errichtet wird. Naumann schreibt in der aktuellen Ausgabe der ZEIT von einem paradoxen Ringen um Wählerstimmen, was – zugegeben nicht nur – von der Linkspartei an den Tag gelegt wurde. Dennoch ist es ein Wegweiser, der auf die Richtung zeigt, den die Parteienpolitik bereit ist zu gehen um gewählt zu werden, um an der Macht zu bleiben oder an die Macht zu kommen. Mit der Macht ist – das sei angemerkt – das Amt gemeint, das in erster Linie zum Gestalten der zukünftigen Legislaturperiode ausgeübt wird. Aber eben auch, aus Sicht der Akteure – zum Broterwerb.

Scheinbar ist es vorbei mit der Zeit, in der hinter diesen Ämtern ein gewisser Ehrgeiz, eine moralische Verpflichtung steht. Vorbei dir Zeit in der Politik als Ziel zur Verbesserung der gesellschaftlichen Situation angesehen wird, wo hinter Inhalten angesehene Persönlichkeiten stehen. Wer heute in der Parteienlandschaft die jüngeren Mitglieder nach deren Zukunftsperspektive fragt, nach deren Berufswunsch, der darf sich nicht wundern, wenn einem als Antwort »Politiker« entgegen geschmettert wird. Wenn also Naumann schreibt dass die Wähler Angela Merkel – nun ja, einfach netter fanden. Und von der Wirtschaft verstünde sie, die noch nie auf dem freien Markt tätig war, einfach mehr als die Sozialdemokraten, dann darf man sich wundern, denn die erste Frau im Land lebt es uns immerhin vor und zeigt wie es geht. Kompetenz durch Schweigen und Abwarten. Zwischendurch vernimmt man, dass der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, für seinen Geburtstag das Kanzleramt als Partylocation zur Verfügung gestellt bekommt und die Geschichte mit Geldspenden an FDP und CDU (je 200.000 Euro) fein abrundet. Korruptionsvermutung hin, Marionettenvermutung her, aber dass dieses Thema nicht einer tiefergehenden Behandlung unterzogen wurde schmerzt dann doch im Demokratiesystem.

Ob es die geschürten Zukunftsängste vor Altersarmut sind oder die lukrative Anstellung auf Lebenszeit, der „Beruf“, der allem Anschein nach alle Facetten einer Berufung verloren hat, wird zahlreich entlohnt und das wird angestrebt. Opportunisten an die Spitze! Mit Sicherheit auch ein Grund für manche Handlungen und Entscheidungen, denn so ganz unabhängig ist man als Berufspolitiker ohne Erfahrung in außerpolitischen Tätigkeiten nicht.

Arbeit muss sich wieder lohnen

Posted in Kognition, Politik by gurkenwasser on 25. September 2009

»Wer arbeitet, soll mehr in der Tasche haben, als jemand der nicht arbeitet.«

So – oder so ähnlich – föhnt einem die lauwarme Luft immer und immer wieder entgegen, wenn man sich Wahlkampfveranstaltungen der FDP anschaut. Dabei frage ich mich, wer sagt eigentlich was Arbeit ist? Aber viel mehr noch: wie soll das funktionieren? Die erste Frage lässt sich vielleicht nicht klar beantworten, aber in vielerlei Hinsicht interpretieren. Der Logik nach, müsste somit zum Beispiel jede Mutter den Anspruch auf ein Gehalt haben, da die Kindererziehung – so ist es mir zu Ohren gekommen – sehr harte Arbeit sei. Jedenfalls stößt man bei diesem Gedanken schnell auf den Stein der Erkenntnis, dass scheinbar für einen Teil der Gesellschaft nur das Arbeit ist, was auch entlohnt wird. Und es eignet sich natürlich ganz hervorragend als Parole. Kurz, einprägend und schön oberflächlich.

Zur zweiten Frage, wie es funktionieren soll, dass Arbeit sich wieder lohnt. Es muss sich also wieder lohnen. Da steckt die Erklärung schon im Wort. Lohn. Demnach lohnt sich Arbeit erst dann wieder, wenn man das friedfertige Gefühl einer gerechten und fairen Entlohnung trägt. Allerdings scheint der Verfasser dieser Parole nicht bedacht zu haben, dass wir in einer Neidgesellschaft (man benenne sie nach Belieben) leben und das Bedürfnis nach fairer Ausgeglichenheit sich extrem an dem orientiert, was der Gegenüber in seinen Machtbereich trägt. Konkret könnte man es im Autoland auch so ausmalen. Der eigenen BMW ist nur so lange eine tolle Sache, bis der Nachbar den Nachfolger auf dem Hof stehen hat. In jenem Moment, in dem der Nachbar mit dem besseren, größeren und prestigeträchtigerem Auto auf dem Hof auffährt, werden die Augen mindestens groß, analog zum aufkeimenden Neid, selbstverständlich. Die Zufriedenheit wird sich auch erst dann wieder einstellen, wenn der Neidische mindestens den gleichen, aber besser einen noch größeren Wagen fährt. Wohin das führt, darf sich jeder selbst ausmalen.

Wer sich also die Bedürfnisbefriedigung der arbeitenden Gesellschaft auf die Flagge schreibt und nur mit monetären Motivatoren argumentiert, wird ein böses Erwachen erleben. Entweder weil man mit dem Verbrennen des Geldes nicht mehr hinterherkommt oder weil den Akteuren die Ohren vom lauten Schreinen nach »mehr Geld, mehr Geld, ich brauch‘ mehr Geld in meiner Tasche« der nimmersatten Mäuler abfallen. Oh Wahlkampf, du inhaltslose Missgeburt.