[gurkenwasser]

Das Internet

Posted in Gesellschaft, Kognition, Netz by gurkenwasser on 12. Februar 2010

Wird vom Internet berichtet, hängt dem Tenor meist ein negatives Fähnchen an und die Akteure stellen fast ausnahmslos die Gefahr heraus, die der Gesellschaft durch das Wachsen der Internataffinität bevorstehen. Egal ob der Untergang des konservativen Medienformats, die zahlreichen Möglichkeiten der Urheberrechtsverletzung oder schlicht die sich zum Negativen wendende Aufmerksamkeitsfähigkeit des Menschen. Die durch die steigende Bedeutung des Internets wachsenden Großkonzerne werden mit einem kritischen Auge betrachtet und Unternehmen die sich gegen die Konzeption mit dem Internet zu arbeiten entschieden haben, werden als Moralaposteln der hierarchieverliebten Gesellschaft gehievt. Das im Mittelpunkt stehende Argument ist meist das immer gleiche: »ohne war alles besser« und »mit, ist unser Geschäftsmodell in Gefahr«. Kritische und Skeptische werden somit in ihrer ängstlichen Haltung gestärkt und setzen sich mit der Thematik erst gar nicht auseinander. Trotz der bremsenden Auswirkungen auf den Fortschritt ist das aber keine Neuigkeit, mehr ein altbekanntes Muster. Bahnbrechende Innovationen wurden schon seit jeher in erster Linie auf die durch sie ausgelösten Veränderungen in der planierten gesellschaftlichen Struktur geprüft, bevor sie sich etablierten. Die Erfindung des Automobils vernichtete die Daseinsberechtigung der Dampfmaschine und die Kassette verdrängte nicht nur die Langspielplatte, sondern tangierte zum ersten Mal mit der Aufnahmefunktion das Vermarktungsmodell der Musikindustrie. Entwicklung oder Fortschritt, so mag man annehmen, ist was schlimmes und jeder sollte das Recht haben einmal stehen bleiben zu dürfen, ohne direkt überholt zu werden. Stehen bleiben und orientieren oder stehen bleiben um stehen zu bleiben. Zwei nahe und doch so verschiedene Varianten ein Leben zu leben, denn wer den Anschluss einmal verpasst hat, knüpft nur schwer wieder an. Das weiß jeder, der schonmal einem Bus oder einer Eisenbahn hinterhergelaufen ist. Schneller und schneller und immer schneller.

Dabei redet doch jeder, der sich mit dem Arbeits- und Informationsmedium Internet direkt und ausgiebig beschäftigt hat, vielleicht auch einfach nur Lust auf einen Alltagswechsel hat, von Entschleunigung. Entschleunigung. Das muss man zweimal lesen um alle negativ mitschwingenden Gedanken wegzuwischen. Wer will schon stehen bleiben? Wer will schon langsamer sein als die Anderen? Ein Auto mit einem Motorschaden rollt entschleunigend aus. Bis zum Stillstand. Dabei steckt in dem Wort vielmehr als nur ein Stillstand. Ich verbinde mit einer Entschleunigung den Ausstieg aus einem sich viel zu schnell drehenden Karussell voller Informationen, in der Schnelle werden alle – so wirkt es – entgegenkommenden Informationen unscharf, alles wirkt verschwommen und undeutlich. Den Durchblick verliert man auf so einem Höllengefährt schnell und nur wer rechtzeitig absteigt, stehen bleibt und sich orientiert findet wieder eine Gegenwart voller detailgetreuer Umrisse. Da »stehen bleiben und sich orientieren« in starkem Maße vom Rückschritt differenziert, lebt auch die Informationsgesellschaft vom Testen und Ausprobieren. Die Möglichkeit alles haben zu können, eine leicht zugängliche sich ständig aktualisierende und nie endende Informationsquelle, die zudem schnell und vielsichtig ist, gab es bisher in diesem Maße noch nicht. Wir müssen uns also erst an die neuen Umstände gewöhnen und einen passablen Umgang lernen um nicht im Informationsüberfluss unterzugehen. Jeder kann zwar alles haben, aber nicht jeder kann mit allem umgehen und so wird sich nur der im Informationsfluss zurechtfinden, der einen geeigneten Umgang damit übt. Die einen haben sich mit Informationen besoffen und brauchen eine Entschleunigung, anderen steht das vielleicht noch bevor.

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