[gurkenwasser]

Schlachtplan ohne Plan

Posted in Politik by gurkenwasser on 30. Januar 2010

In Afghanistan herrscht ein kriegsähnlicher Krieg. So oder so ähnlich. Das wissen wir spätestens seitdem auch Freiherr von und zu Guttenberg irgendeine weitere Ummantelung für das Chaos in Mittelost gefunden hat. Die deutschen Soldaten seien deprimiert, weil ihnen der Zuspruch aus der Gesellschaft fehle. Der Gesellschaft, deren Sicherheit sie vor Ort offensichtlich verteidigen sollen. Jede Verteidigung ist die Reaktion auf einen Angriff und salopp und viel zu kurz gedacht könnte man dies also als einen Krieg bezeichnen. Um in einem Krieg mitspielen zu können, ist es unerlässlich, dass der Einsatz strategisch durchdacht und eine siegesgewisse Taktik geschmiedet wird. 2001 hatte ein Rächer die Idee in Afghanistan einzumarschieren und nach der Fred-Feuerstein-Methode einfach wild draufzuhauen. Quantität schlägt Qualität. Dass diese Methode erst ab einem gewissen Faktor, einem Faktor der weit entfernt vom damaligen Truppenkontingent liegt, erfolgreich ist, hat übrigens ein bedeutender chinesischer Meister schon vor knapp 2500 Jahren bewiesen. Erfolgreich ist schließlich nur, wer nicht nur seine eigenen Schwächen kennt, sondern auch die Stärken des Gegners. Nach etwas mehr als acht Jahren heiterer Invasion stellen also die Übermächte des Westens fest, dass die Kämpfer vor Ort keine Uniformen tragen und nur schwer von der Bevölkerung zu unterscheiden sind. Die Bevölkerung, die auch keine herkömmliche ist, sondern aus verschiedenen Kulturkreisen besteht und eine andere Lebens- und Denkweise bestreitet, als die hiesig praktizierte.

Angreifen – und nichts anderes haben die Truppensteller vor acht Jahren gemacht – sollte nur der, der sicher sein kann, dass er gewinnt. Kurze Zeit nach der Invasion stellten die Strategen weiterhin fest, dass Afghanistan ein zum Teil sehr hügeliges und bewaldetes Gebiet ist. Das erschwere die Verstecksuche der Terroristen. Später kam dann der Gedanke ins Bewusstsein, dass nur Afghanistan nicht mehr von Terroristen befallenen ist, sondern auch die umliegenden Länder als Rückzugsgebiete dienen. Quantität versus Territorialmacht. Es gehört schon einiges an Naivität dazu, in ein unbekanntes Land einzumarschieren, einen unbekannten Gegner anzugreifen und das Spielchen länger als acht Jahre mitzumachen und schlussendlich zu behaupten die Soldaten seien deprimiert, weil die Bevölkerung ihren Einsatz nicht honoriert. Von Clausewitz würde sich krümmen vor lachen.

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Ab ins Körbchen

Posted in Gesellschaft, Kognition, Politik by gurkenwasser on 19. Januar 2010

»Wer?« – »Angela Merkel.«

Sollte der Bundeskanzler Frau Dr. Merkel in naher Zukunft in einer Talkrunde gastieren, würde der passende Untertitel vermutlich nicht »Bundeskanzler« lauten, sondern »eigentlich Bundeskanzler«. Denn alles staatsmännische, alles was man mit einem Regierenden verbindet, verkörpert die Dame im Gegenteil. Ungefähre Äußerungen zu belastenden Themen, Deeskalierungskurs mit der Opposition und eine mangelhafte Kommunikation mit der Meute. Ob aus Angst oder aus Vorsicht, dass sie nichts kaputt machen will ist deutlich.

Nachdem die größte Oppositionspartei wieder zurück am Sprachrohr ist und fleißig am aktuell tranchierten Spendengulasch der liberalen Hotellerie mitwatscht, wäre ein starkes Wort der Regierenden wünschenswert. Immerhin wird dem selbsternannten Traumduo eine düpierende Administration vorgeworfen. Aber auch hier gilt die Gluckentaktik: aussitzen statt ausschwitzen. Der eine Prophet trompetet deutliche Klarheit nach den NRW-Wahlen, ein anderer vermutet einen tief sitzenden merkel’schen Schmerz nach dem Versuch der Eindeutigkeit der Worte am Anfang der großen Koalition Vol.2. Im Grunde treffen sich beide Szenarien an der Wurzel: Ziel ist das Gewinnen von Wahlen. Und wer nichts sagt, kann auch nichts falsches sagen. Vermutlich werden sich beide Hellseher die Wänste vor Lachen kaum halten können, wenn es der geistreiche Wähler am Wahltag imitiert und das Herrschaftsvolk ignoriert. Wer nichts wählt, kann auch nichts falsches wählen. Anne Will wird dann abends in einem Wahl Spezial mit der Frage eröffnen wie es zur niedrigsten Wahlbeteiligung der Geschichte und gleichzeitig zum historisch schlechtesten Wahlergebnis der Union kommen konnte. Volker Kauder wird aus dem Konrad-Adenauer-Haus live zugeschaltet sein und etwas sagen wie »Die CDU-Wähler sind an diesem Sonntag zuhause geblieben«. Und nach einer Woche Schlagzeilenfeuer und Amtsverlautbarungen kehrt wieder Ruhe ein in der politisch abgeflachten Landschaft.

Klimazipfel

Posted in Kognition, Politik by gurkenwasser on 23. Dezember 2009

Als Gipfel wird ganz allgemein der höchste Punkt bezeichnet. Der höchste Punkt eines Berges zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass es auf der einen Seite bergauf, auf der anderen Seite bergab geht. Etwas leichter war der Gipfel zu »Hopenhagen« zu erreichen. Nämlich vollkommen ohne Anstieg. Aber auch ohne Abstieg. Die Konferenz endete nicht nur ohne Abschlusserklärung, sonder auch ohne eine moralische Botschaft. Die Definition von Zielen für einzelne Länder, wie sie einst im Kyoto-Protokoll festgehalten wurden, steht ebenso im Ungefähren, wie das Abkommen über das zuvor viel gepriesene Zwei-Grad-Ziel.

Auf eine gewisse Weise auch nicht überraschend, denn immerhin sollten 193 Staaten am Projekt beteiligt werden. Das bedeutet 193 Stimmberechtigte. Wie schwer es sein kann unter dieser Vielzahl zu einem Konsens zu kommen wird nicht erst bewusst, wenn man sich die Absichten und Positionen der Mitglieder betrachtet. Da sind die USA, die sich im Rahmen des Klimaschutzes zum ersten Mal auf internationaler Bühne verpflichten. Die schnell wachsenden Schwellenländer wie China und Indien, die Entwicklungsländer und eben auch die EU.

Auch wenn das Bewusstsein über die Entwicklung des Klimas und der Natur in den Köpfen eingepfercht ist, wird die größte zu überwindende Blockade die verschiedenen Postionen und Perspektiven sein. Wie schon erwähnt sind die USA zum ersten Mal bereit sich konkreten Zielen in einem Abkommen zu unterwerfen. Bisher hat sich deren Wirtschaft entsprechend entwickelt, sodass Beobachter aus Entwicklungsländern aus gutem Grund die Fragen stellen dürften, weshalb der eigene Staat sich internationalen Zielen anpassen soll, während andere, größere und in ihrer Wirtschaftskraft stärkere Staaten unverändert auf Kurs bleiben. Es ist ein Paradoxon, dass die hauptsächlich klimagefährdenden Staaten auch eine übermächtige Rolle in der Entscheidungsfindung zum Klimaschutzabkommen darstellen. Schon im Wort enthalten ist die Situation der Entwicklungsländer, die mit dem Unterzeichnen des von Kopenhagen erwünschten Papiers, nur als Verlierer abschließen können.

Vielmehr als nur die Begrenzung des Schadstoffausstoßes, sollte ein Anreiz geschaffen werden, der nicht nur die Entwicklungsländer dazu bewegt auf umweltschonende Technologie in der Entwicklung zu setzen. Denn durch die Verabschiedung eines Abkommens, das weit reichende ökologische Folgen, im engeren Sinne Begrenzung und Reduzierung des Niveaus, anvisiert, rückt ein nachhaltiger Erfolg in immer weitere Ferne.

Wer hat noch nicht, wer will nochmal

Posted in Gesellschaft, Kognition, Politik, Wirtschaft by gurkenwasser on 11. November 2009

IMG_1813Erst Pleite, dann doch nicht. Erst Insolvenz, dann Verhandlungsführer. Erst Russland, dann Amerika.

Was den Bürger nicht zum Kauf anregt, gebührt des Steuerzahlers Leistung. Noch vor wenigen Tagen schien die Entscheidung klar, der Vertrag so gut wie in trockenen Tüchern. Die große Mutter aus Übersee nur noch den Vertrag zu unterschreiben. Doch die Mutter überraschte zickig und entschied die kleine Tochter Opel wieder unter ihre Fittiche zu nehmen. Vor der Insolvenz noch abgenabelt, verschweißt nach der Abwicklung der Konzern wieder, was angeblich zusammen gehört.

Ohne die Frage nach den Ursachen des Absatzschwundes zu stellen, avanciert Opel zum Kern des Taus, an dessen einem Ende GM und am anderen die Vertreter der Politik zerren. Thema der Debatte der Abbau der Arbeitsplätze. Staatsgarantie. Werksschließung. Noch vor kurzem lag in der Mitte einer Diskussionsrunde der Lissabonvertrag, der Reformvertrag der Europäischen Union, in dem die Mitgliedsstaaten die Grundlage für ein rechtlich geschlossenes Europa vereinbaren. Nach außen wird folglich das Zeichen der Verbundenheit und der Geschlossenheit gesendet. Im Inneren wird währenddessen vorgeführt, dass Europa in den Köpfen der Nationalpolitiker noch nicht angekommen ist. Denn wichtig scheint, vor allem, in welchem Staat der Großteil Stellen abgebaut wird.

Wenn es der Bürger schon nicht freiwillig kauft, lastet es dem Steuerzahler auf der Schulter. Da die Attraktivität eines Opels nicht ausreichte, die Produktpalette vielleicht auch nicht das hergab und noch immer nicht hergibt was der – mehr oder weniger – zahlende Käufer visiert, sank der Marktanteil von Opel in der letzten Zeit. Das ist ein übliches Verhalten, so funktioniert die Marktwirtschaft. Das hat neben der Folge, dass ein Versagen möglich ist auch den Nebeneffekt, dass Unternehmen ständig in der Pflicht sind einen gewissen Teil ihres Umsatzes in die Erforschung und die Entwicklung neuer Technologien zu investieren. Das ist ihr Potential. Nutzen sie es nicht, müssen sie mit den Folgen leben. Eigentlich.

Die Regierung hat die Unterstützung des Unternehmens auch damit begründet, dass neben Opel auch noch eine große Anzahl kleinerer Zulieferbetriebe betroffen ist und sogartig mitgezogen würde. Wer also gehandelt hat wie ein Subunternehmer und alles auf ein Pferd, in dem Fall Opel, gesetzt hat, darf sich also auch als Gewinner staatlicher Unterstützung fühlen. Rechnet man diese Arbeitsplätze – Opel und Zulieferer – zusammen erhält man die Summe Menschen, die im künstlich am Leben erhaltenen Arbeitsmarkt beschäftigt sind. Die Summe Menschen, denen vorgegaukelt wird, ihr Schaffen und ihr Tun werde gebraucht.

Den ersten Lichtblick hätte man erahnen können, als der Beschluss »mehr für Bildung« in den Köpfen angekommen ist. Der zweite wird sein, dass neue Schulgebäude und restaurierte Universitäten kein Wissen vermitteln können.

Georg Schramm

Posted in Freiraum, Politik by gurkenwasser on 14. Oktober 2009

Georg Schramm als nörgelnder alter Renter Lothar Dombrowski beim Scheibenwischer 2003. Leider gibt es den Scheibenwischer als solchen nicht mehr. Die aktuell an dieser Stelle praktizierte Leichtkost Satire Gipfel wendet sich – in meinen Augen – immer mehr vom politischen Kabarett ab und hätte auch Zwerch trifft Fell 2 oder Comedy Gipfel heißen können.

Ps. Obwohl ich hier nie Videos verlinken wollte, komme ich hier einfach nicht drumherum.

Politik oder Macht und Geld

Posted in Freiraum, Kognition, Politik by gurkenwasser on 10. Oktober 2009

Da liegt es also, das Jamaika im Saarland. Schwarz, gelb grün. Aber auch in Thüringen: die Sozialdemokraten verhandeln mit der CDU. In beiden Fällen wird als Anlass für diese Marschrichtungen das mangelnde Vertrauen gegenüber der Linkspartei weitergereicht. Die SPD kann besser mit der Union. Große Koalition als einzige Möglichkeit für die SPD an die Regierung zu kommen. Wie man es auch betitelt, fragwürdig ist die Lage allemal. Auf den ersten Blick scheinen, jetzt nach der Bundestagswahl, die Lager wieder deutlich zu sein. Doch wenn man genauer hinschaut, bildet sich da um die Linkspartei eine Mauer, die weniger aus Vorurteilen, mehr aus argumentativen Bausteinen errichtet wird. Naumann schreibt in der aktuellen Ausgabe der ZEIT von einem paradoxen Ringen um Wählerstimmen, was – zugegeben nicht nur – von der Linkspartei an den Tag gelegt wurde. Dennoch ist es ein Wegweiser, der auf die Richtung zeigt, den die Parteienpolitik bereit ist zu gehen um gewählt zu werden, um an der Macht zu bleiben oder an die Macht zu kommen. Mit der Macht ist – das sei angemerkt – das Amt gemeint, das in erster Linie zum Gestalten der zukünftigen Legislaturperiode ausgeübt wird. Aber eben auch, aus Sicht der Akteure – zum Broterwerb.

Scheinbar ist es vorbei mit der Zeit, in der hinter diesen Ämtern ein gewisser Ehrgeiz, eine moralische Verpflichtung steht. Vorbei dir Zeit in der Politik als Ziel zur Verbesserung der gesellschaftlichen Situation angesehen wird, wo hinter Inhalten angesehene Persönlichkeiten stehen. Wer heute in der Parteienlandschaft die jüngeren Mitglieder nach deren Zukunftsperspektive fragt, nach deren Berufswunsch, der darf sich nicht wundern, wenn einem als Antwort »Politiker« entgegen geschmettert wird. Wenn also Naumann schreibt dass die Wähler Angela Merkel – nun ja, einfach netter fanden. Und von der Wirtschaft verstünde sie, die noch nie auf dem freien Markt tätig war, einfach mehr als die Sozialdemokraten, dann darf man sich wundern, denn die erste Frau im Land lebt es uns immerhin vor und zeigt wie es geht. Kompetenz durch Schweigen und Abwarten. Zwischendurch vernimmt man, dass der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, für seinen Geburtstag das Kanzleramt als Partylocation zur Verfügung gestellt bekommt und die Geschichte mit Geldspenden an FDP und CDU (je 200.000 Euro) fein abrundet. Korruptionsvermutung hin, Marionettenvermutung her, aber dass dieses Thema nicht einer tiefergehenden Behandlung unterzogen wurde schmerzt dann doch im Demokratiesystem.

Ob es die geschürten Zukunftsängste vor Altersarmut sind oder die lukrative Anstellung auf Lebenszeit, der „Beruf“, der allem Anschein nach alle Facetten einer Berufung verloren hat, wird zahlreich entlohnt und das wird angestrebt. Opportunisten an die Spitze! Mit Sicherheit auch ein Grund für manche Handlungen und Entscheidungen, denn so ganz unabhängig ist man als Berufspolitiker ohne Erfahrung in außerpolitischen Tätigkeiten nicht.

Die SPD und der Status Volkspartei

Posted in Politik by gurkenwasser on 6. Oktober 2009

Jetzt hat die SPD also eine neue Führungsriege. Aus welcher Sicht man es auch betrachtet, die Wähler werden ihrer Abkehr stets bestätigt, das Kreuz an der richtigen Stelle gemacht zu haben. Wo auch immer. Die CDU beruft sich trunken voller Eigenlob selbst auf den Thron die einzig noch überbliebene Volkspartei zu sein, die Linke fühlt sich in ihrer Position als Kraft links außen vom Wähler bestätigt und die FDP – noch im Siegestaumel – überschlägt sich ohnehin vor Freude. Einzig die Grünen üben Zurückhaltung.

Doch statt sich der klärenden und substanziellen Diskussion hinzugeben, die Ursachen und Hintergründe für das schlechte Abschneiden am Wahlsonntag zu erforschen, sägen sie noch keine 48 Stunden nach Schließung der Wahllokale ihre Galionsfiguren ab und schüren sich die scheinbar notwendigen Sündenböcke. Und noch bevor die inhaltlich klärende Debatte über die Zukunft und den einzuschlagenden Weg geführt wird, präsentiert sich die neue Führungsmannschaft. Bleibt nur zu hoffen, dass die inhaltliche Abstimmung ebenso schnell von statten geht, damit das rhetorische Schwergewicht Gabriel sinnbildlich die Kohlen aus dem Feuer holen kann. Denn eines dürfte unumstritten sein, mit der bisherigen Gliederung des zwei-Volksparteien-Systems hat die Demokratie hervorragend funktioniert. Die gesellschaftlichen Folgen einer einzigen starken Volkspartei und einer im Unklaren definierten Opposition, einem Pool aus Klientelparteien, wären verheerend.

Volksparteien

Posted in Politik by gurkenwasser on 29. September 2009

Ab wann ist man eigentlich Volkspartei? Der Abstand zwischen SPD und FDP ist nur noch gering. Eine Regierung ohne Beteiligung der Union gar unmöglich. Kann eine solche SPD in dem Falle also überhaupt noch den Anspruch erheben, Volkspartei zu sein? Ja, sie deckt alle Interessenfelder ab. Zumindest ebenso professionell wie die sich bietenden Alternativen.

Vielmehr noch verwundert mich allerdings das Wahlergebnis, wenn man sich den Weg ansieht, mit dem es bestritten wurde. In höchsten Tönen wurden da die Sozialdemokraten für das angegriffen, was sie in der vorletzten (!!) Regierung als Agenda 2010 auf den Weg gebracht haben. Die damalige Situation hat ein Handeln der Regierung verlangt, ein allumfassendes Reformpaket wurde geschnürt. Heute wissen sie – und stehen es auch offen und ehrlich zu – dass es nicht vollkommen war, sondern an manchen Ecken und Kanten Nachbesserungsbedarf hat. Umso verwunderlicher ist es, dass die Liberalen das Feuer um die beharrliche Kritik an der Agenda 2010 entfachten. Denn im Grunde ist es ein neoliberales Programm, das im Kern den Ansprüchen der FDP genügen sollte. Es beinhaltete sowohl einen erhöhten Beitrag für Bildung, ermöglichte es erstmals dass auch Gesellen zur Ausbildung von Lehrlingen befugt waren, Förderung von Ganztagsschulen und die Senkung der Lohnnebenkosten. Weiterhin ist Bestandteil der Agenda 2010, mit dem die FDP explizit in diesem Jahr Wahlkampf machte, die Lockerung des Kündigungsschutzes. Was den Gesundheitssektor angeht, da ist bestimmt eine tiefergehende Analyse notwendig, aber auf den ersten Blick klingt es analog der Forderungen der FDP, einer leistungsgerechteren Gesundheitspolitik. Was auch immer man sich darunter vorzustellen hat. Jedenfalls fehlt unter dem ganzen Hype der Unionsparolen „wir haben die Arbeitslosigkeit bekämpft“ die Erklärung mit welchen Mitteln dies geschehen ist. So kurz nach der Wahl (2005) kann schlicht und ergreifend keine Vorsteuerung (und das ist Politik nunmal) greifen und innerhalb so kurzer Zeit wirksam sein. Vielmehr liefert die SPD mit den positiven Folgen der Agenda 2010 Grund zu Annahme, dass es ein wirkungsvolles Programm war. Aber das scheint unterzugehen.

Faktisch wird jedenfalls, wenn von der Agenda 2010 die Rede ist, immer nur schlechtes vermutet. Ob es klug oder dumm von der SPD war es nicht inhaltlich aktiver zu verteidigen bleibt zu überlegen. Grundsätzlich ist das passiert, was die FDP auch zukünftig plant. Streichung von Subventionen um den Bundeshaushalt zu strukturieren und zu sanieren. Festzustellen bleibt schlussendlich, dass die SPD auch deshalb das schlechteste Wahlergebnis eingefahren hat, weil sie ehrlich war und nicht populistisch angekündigt hat, mit einer zu erwartenden Neuverschuldung von knapp 100 Milliarden Euro in den nächsten Jahren, die Steuern zu senken und just mit der Streichung von Subventionen den Schuldenberg abzubauen. Die Spitze der Unglaublichkeit bietet sich aber noch keine zwei Tage nach der Wahl, wenn man aus verschiedenen Ecken leise mauscheln hört, dass mit den Steuersenkungen sei noch nicht so ganz sicher, da die aktuell Lage doch den Handlungsspielraum sehr einschränke. Aber anstatt von der schwarz-gelben Biene-Maja-Regierung laut das Einlösen der Wahlversprechen zu fordern, verstummt der gesellschaftliche Mob und widmet sich dem Harren der Dinge. Wir werden schon sehen was da kommt. Ja, und wenn nicht?

Sicherlich wird auch ein weiterer Grund für das schlechte Abscheiden der beiden Volksparteien – das geht irgendwie unter, dass auch die Union ihr zweitschlechteste Ergebnis eingefahren hat – die derzeitige Parteienvielfalt sein. Da kommt seit einigen Jahren die Linke daher und umgehend ist ein Mitgliedersprint zu verbuchen. Exorbitante Forderungen polarisieren fortan die linke Seite der Demokratie und zwischendrin sind irgendwo die Grünen. Ob eine solche (durch die Linken mit verursachte Spaltung des linken Lagers) von Vorteil ist und an der aktuellen Regierungsunfähigkeit ebendieser Verantwortung trägt, kann jeder für sich beantworten, allerdings fällt es zunehmend schwerer die Ernsthaftigkeit in dem zu sehen, was auf der Bühne des politischen Theaters aufgeführt wird. Da sind zum einen realpolitische Sozialisten, die 11 Jahre Regierung hinter sich haben und nun gezwungen sind die nächsten vier Jahre auf der Oppositionsbank Platz zu nehmen. Auf der gleichen Bank sitzen jedoch auch Sozialisten, die vereinzelt zwar mal in der Regierungsverantwortung waren, diese aber nicht genutzt haben, sondern nach kurzer Zeit das Handtuch geschmissen haben, als es ernst wurde. Lafontaine als Bundesfinanzminister 1999 und Gysi als Berliner Wirtschaftssenator 2002. Beide nach ungefähr 6 Monaten Amtszeit. Wenn also vor diesem Hintergrund das Licht ein wenig getrübt wird, ist es keinem in der SPD organisierten Parteimitglied zu verübeln, wenn so manche Forderung der Linken Bundestagspartei bitter aufstößt und über eine kooperative und ernsthafte Zusammenarbeit etwas länger nachgedacht wird.

Arbeit muss sich wieder lohnen

Posted in Kognition, Politik by gurkenwasser on 25. September 2009

»Wer arbeitet, soll mehr in der Tasche haben, als jemand der nicht arbeitet.«

So – oder so ähnlich – föhnt einem die lauwarme Luft immer und immer wieder entgegen, wenn man sich Wahlkampfveranstaltungen der FDP anschaut. Dabei frage ich mich, wer sagt eigentlich was Arbeit ist? Aber viel mehr noch: wie soll das funktionieren? Die erste Frage lässt sich vielleicht nicht klar beantworten, aber in vielerlei Hinsicht interpretieren. Der Logik nach, müsste somit zum Beispiel jede Mutter den Anspruch auf ein Gehalt haben, da die Kindererziehung – so ist es mir zu Ohren gekommen – sehr harte Arbeit sei. Jedenfalls stößt man bei diesem Gedanken schnell auf den Stein der Erkenntnis, dass scheinbar für einen Teil der Gesellschaft nur das Arbeit ist, was auch entlohnt wird. Und es eignet sich natürlich ganz hervorragend als Parole. Kurz, einprägend und schön oberflächlich.

Zur zweiten Frage, wie es funktionieren soll, dass Arbeit sich wieder lohnt. Es muss sich also wieder lohnen. Da steckt die Erklärung schon im Wort. Lohn. Demnach lohnt sich Arbeit erst dann wieder, wenn man das friedfertige Gefühl einer gerechten und fairen Entlohnung trägt. Allerdings scheint der Verfasser dieser Parole nicht bedacht zu haben, dass wir in einer Neidgesellschaft (man benenne sie nach Belieben) leben und das Bedürfnis nach fairer Ausgeglichenheit sich extrem an dem orientiert, was der Gegenüber in seinen Machtbereich trägt. Konkret könnte man es im Autoland auch so ausmalen. Der eigenen BMW ist nur so lange eine tolle Sache, bis der Nachbar den Nachfolger auf dem Hof stehen hat. In jenem Moment, in dem der Nachbar mit dem besseren, größeren und prestigeträchtigerem Auto auf dem Hof auffährt, werden die Augen mindestens groß, analog zum aufkeimenden Neid, selbstverständlich. Die Zufriedenheit wird sich auch erst dann wieder einstellen, wenn der Neidische mindestens den gleichen, aber besser einen noch größeren Wagen fährt. Wohin das führt, darf sich jeder selbst ausmalen.

Wer sich also die Bedürfnisbefriedigung der arbeitenden Gesellschaft auf die Flagge schreibt und nur mit monetären Motivatoren argumentiert, wird ein böses Erwachen erleben. Entweder weil man mit dem Verbrennen des Geldes nicht mehr hinterherkommt oder weil den Akteuren die Ohren vom lauten Schreinen nach »mehr Geld, mehr Geld, ich brauch‘ mehr Geld in meiner Tasche« der nimmersatten Mäuler abfallen. Oh Wahlkampf, du inhaltslose Missgeburt.

Kritik unerwünscht oder die Angst vor der Bewertung?

Posted in Freiraum, Kognition, Politik by gurkenwasser on 21. September 2009

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als es Gregor Gysi in der Online-Sendung Erst fragen, dann wählen sagte, wurde mir bewusst, dass er Recht hat. Die Kanzlerkandidaten Steinmeier und Merkel, letztere war bei genannter Sendung nicht zu sehen, sind während des gesamten medialen Wahlkampfs kein einziges Mal direkt mit den Oppositionsparteien konfrontiert worden. Weder im Kollektiv, noch mit einer einzelnen. Die Veranstaltung des ZDF, in der alle Spitzenkandidaten der Parteienlandschaft geladen werden sollten, wurde von Kanzlerin Merkel ebenso abgesagt, wie auch die oben genannte Online-Sendung. Für TV-Auftritte, in denen sie direkt mit Vertretern der anderen Parteien konfrontiert wird, stehe sie – mit Ausnahme des TV-Duells mit Steinmeier – nicht zur Verfügung.

Was die Gründe für ebendieses Verhalten sind, wird offenbar zurückgehalten. Jedenfalls ist so der Kuschelauftritt beim TV-Duell zu erklären. Immerhin wäre es übertrieben von den beiden sich in der Regierung befindlichen Kandidaten zu erwarten, das Wirken in der aktuellen Legislaturperiode kritisch zu beurteilen. Jene Kräfte, die er hätten gekonnt, wurden nicht eingeladen. Anstatt vier Moderatoren einen vorbereiteten Fragenkatalog abarbeiten zu lassen, der alles aber nicht tiefgründig war, wäre ein Auftritt der fünf Fraktionsspitzen mit einem Moderator wesentlich interessanter geworden. Aber das wollte die Union nicht, über die Gründe darf man somit spekulieren.