[gurkenwasser]

Hier bin ich. Vielleicht.

Posted in Gesellschaft, Wirkungsfeld by gurkenwasser on 16. November 2009

Obama tut es. Merkel tut es. Und Westerwelle tut es auch.

Das Gesicht bei Facebook, das Update bei Twitter oder – für die regionale Trendsetter – das Profil im VZ-Netzwerk. In keinem der großen sozialen Netzwerke darf die Präsenz der Namen fehlen. Hin und wieder mal ein mehr oder weniger bedeutendes Lebenszeichen und die Fangemeinde ist zufrieden. Zufrieden?

Jetzt ist es jedenfalls raus. Obama verfasst und verschickt seine Twitter-Updates nicht selbst. Frau Bundeskanzler hat es schon länger verlauten lassen. Hinter den Profilen stecken nicht die Personen, die man eigentlich erwartet, sondern für ihren Dienst bezahlte Angestellte, deren Aufgabe es ist, das Profil in öffentlichen Netzwerken zu pflegen und den Auftritt so authentisch wie nur eben möglich zu gestalten. Das Ziel ist schlicht und einfach Publizität und gesellschaftliche Wahrnehmung.

Politikern eine gewissen Hang zum Öffentlichkeitsdrang vorzuwerfen ist trivial und unnötig. Das Untypische und Fragwürdige an der Sache ist jedoch wem es nützt. Kein Politiker kann so kurzsichtig sein, anzunehmen die Gemeinde denke dass es sich dabei um seinen ganz privaten Account handelt. Um einen Account womöglich, der sog. Freunden einen unverwehrten Einblick in das Privatleben liefert. Dabei kommt es beim Empfänger vollkommen anders an. Die tatsächliche Unehrlichkeit schlägt dabei voll und ganz durch und die vorgetäuschte Authentizität erreicht eigentlich das Gegenteil.

Dabei ist es keine Schande oder kein Schaden an einem Phänomen nicht teilzuhaben. Jeder wird Verständnis dafür haben, wenn Politiker die ihnen wahrscheinlich ohnehin schon knappe (Frei-)Zeit nicht für die Pflege von Onlineprofilen verwenden. Jedenfalls erlauben die aktuellen Scheinprofile die Vermutung an eine Farce. Unnütz.

Wer hat noch nicht, wer will nochmal

Posted in Gesellschaft, Kognition, Politik, Wirtschaft by gurkenwasser on 11. November 2009

IMG_1813Erst Pleite, dann doch nicht. Erst Insolvenz, dann Verhandlungsführer. Erst Russland, dann Amerika.

Was den Bürger nicht zum Kauf anregt, gebührt des Steuerzahlers Leistung. Noch vor wenigen Tagen schien die Entscheidung klar, der Vertrag so gut wie in trockenen Tüchern. Die große Mutter aus Übersee nur noch den Vertrag zu unterschreiben. Doch die Mutter überraschte zickig und entschied die kleine Tochter Opel wieder unter ihre Fittiche zu nehmen. Vor der Insolvenz noch abgenabelt, verschweißt nach der Abwicklung der Konzern wieder, was angeblich zusammen gehört.

Ohne die Frage nach den Ursachen des Absatzschwundes zu stellen, avanciert Opel zum Kern des Taus, an dessen einem Ende GM und am anderen die Vertreter der Politik zerren. Thema der Debatte der Abbau der Arbeitsplätze. Staatsgarantie. Werksschließung. Noch vor kurzem lag in der Mitte einer Diskussionsrunde der Lissabonvertrag, der Reformvertrag der Europäischen Union, in dem die Mitgliedsstaaten die Grundlage für ein rechtlich geschlossenes Europa vereinbaren. Nach außen wird folglich das Zeichen der Verbundenheit und der Geschlossenheit gesendet. Im Inneren wird währenddessen vorgeführt, dass Europa in den Köpfen der Nationalpolitiker noch nicht angekommen ist. Denn wichtig scheint, vor allem, in welchem Staat der Großteil Stellen abgebaut wird.

Wenn es der Bürger schon nicht freiwillig kauft, lastet es dem Steuerzahler auf der Schulter. Da die Attraktivität eines Opels nicht ausreichte, die Produktpalette vielleicht auch nicht das hergab und noch immer nicht hergibt was der – mehr oder weniger – zahlende Käufer visiert, sank der Marktanteil von Opel in der letzten Zeit. Das ist ein übliches Verhalten, so funktioniert die Marktwirtschaft. Das hat neben der Folge, dass ein Versagen möglich ist auch den Nebeneffekt, dass Unternehmen ständig in der Pflicht sind einen gewissen Teil ihres Umsatzes in die Erforschung und die Entwicklung neuer Technologien zu investieren. Das ist ihr Potential. Nutzen sie es nicht, müssen sie mit den Folgen leben. Eigentlich.

Die Regierung hat die Unterstützung des Unternehmens auch damit begründet, dass neben Opel auch noch eine große Anzahl kleinerer Zulieferbetriebe betroffen ist und sogartig mitgezogen würde. Wer also gehandelt hat wie ein Subunternehmer und alles auf ein Pferd, in dem Fall Opel, gesetzt hat, darf sich also auch als Gewinner staatlicher Unterstützung fühlen. Rechnet man diese Arbeitsplätze – Opel und Zulieferer – zusammen erhält man die Summe Menschen, die im künstlich am Leben erhaltenen Arbeitsmarkt beschäftigt sind. Die Summe Menschen, denen vorgegaukelt wird, ihr Schaffen und ihr Tun werde gebraucht.

Den ersten Lichtblick hätte man erahnen können, als der Beschluss »mehr für Bildung« in den Köpfen angekommen ist. Der zweite wird sein, dass neue Schulgebäude und restaurierte Universitäten kein Wissen vermitteln können.

Etwas ganz besonderes

Posted in Gesellschaft, Kognition by gurkenwasser on 29. Oktober 2009

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Die Bahn hat 10 Minuten Verspätung. Man sieht den eigenen Atem, aber wartet gerne. Im weiten Nebel sieht man langsam quietschend zwei müde Lichter deutlich werden und langsam kommt der Zugwagen der alten verdreckten S-Bahn zum stehen. Die Scheiben sind beschlagen von Wärme und morgigem Atem. Menschen lesen sitzend in Buch und Zeitung oder stehen wartend auf das Aufschnellen der Türen im aufgedunsenen Mittelgang. Dick verpackt im herbstlichen Morgen, die Sonne müht sich, erlebt man die tiefgründige Bedeutung der Solidarität. Inmitten einer engen Gemeinschaft, gesichert vor dem Fall, beschützt vor der Kälte, still wie ein Blatt altes Papier. Noch bevor die Räder stillstehen sehen die verquollenen Gesichter in die selbe Richtung. Ein kräftiger Ruck, wenige Schritte und die Schlange steht friedsam gereiht dem Aufstieg der Bahnhofstreppen entgegen.

Kaum fassbar, denkt der Überblickende in der bunten Masse und wundert sich über die Proportion Menschen Masse Bahn Wagon. Umso erstaunlicher die verblüffende aus monetären Beweggründen entstehende Gegenüberstellung der sich darbietenden Varianten. Beschriebenes Verfahren ist Luxus, Individualität ist kümmerlich. Das blechern bordierte Fahren, die Präferenz der Bevölkerung in Sachen Bewegung, ist der zur Realität gewordene Kostenvorteil. ÖPNV vs. Individualverkehr. Trotz verlässicher Verspätung, genügsamer Ausstattung und einem nicht verstellbaren Sender als Sound, entpuppt sich die Fahrt mit den ökologisch enthaltsameren öffentlichen Verkehrsmitteln als teure und zu vorgegebenen Zeiten eher als nachteilig anzusehende Möglichkeit der Fortbewegung. Was jedoch in reibungslosen Intervallen optimaler Funktion zukommt, sind die Fahrkartenkontrolleure. Roboterartig in monotonem Seuselton tackert der Beschäftigte durch die wechselnd vollen Abteile. Lob ist hier angebracht. Wer sich verlassen will, gar an Zugkombinationen auf seiner Reise angewiesen ist, wünscht sich dieses Vertrauen auch an manchen Tagen der Pünktlichkeit entgegenbringen zu können.

Was bleibt, immer und immer wieder in den Kopf schießt, ist jedoch der Zielkonflikt der Ökologie mit der Ökonomie. In diesem Fall versteht sich. Während der Steuerzahler sich einer künstlichen Lebenserhaltungsphase der Automobilindustrie keineswegs zu schade ist, gar Subventionen in Form von Verschrottungsprämien ins Feuer der Marktwirtschaft wirft, pustet der Wartende auf dem Bahnsteig noch immer den sichtbaren Atem in die Luft und freut sich seine Füße sehen und bewegen zu können.

E-Book-Reader auf dem Vormarsch

Posted in Kognition, Lesen by gurkenwasser on 17. Oktober 2009

Zu einer Zeit, in der man von E-Book-Reader nur lesen, aber noch nichts sehen konnte, war meine Fantasie dafür zuständig Bilder dieser kleinen viereckigen Geräte zu zeichnen. Mittlerweile – spätestens seit der Buchmesse – sind die Geräte überall abgebildet. Auch in den Zeitungen liest man Artikel über die Revolution des Lesens, während man mit einem Ohr vernimmt, dass Google sich mit zahlreichen Verlagen über die Legitimität des Digitalisierens von Printmedien („Einscannen“) streitet. Obwohl diese Tatbestände und Gegebenheiten vor einem gewissen sinnstiftenden Hintergrund abgetratscht werden, stellt sich mir dennoch die Frage nach dem Nutzen. Wo wird das so genannte Kindle, das Gerät zum Lesen der E-Books, auf dem Markt positioniert? Welche Klientel soll damit angesprochen werden? Vermutlich wird es irgendwo zwischen Notebook und Smartphone aufgestellt sein in der Zielgruppe der zukunftsversierten Bildschirmjunkies.

Dennoch will sich mir die Vorstellung, zukünftig das Lesen auf einem Bildschirm zu praktizieren, nicht so ganz einprägen. Das hat wahrscheinlich den Grund, dass beim Lesen eines Buches eine gewisse Atmosphäre erzeugt wird, das Umblättern – so unterbewusst es doch ist – beim Lesen auf elektronischem Grund wegfällt. Der Duft des bedruckten Papiers durch den des Plastiks ersetzt wird.

Weiterhin wird das Lesen auf einem Kindle vermutlich nicht nur den Büchermarkt betreffen, sondern sich auf den Informationsmarkt der Zeitungen ausweiten, sodass einem der allmorgendliche Weg zum Briefkasten erspart bleibt und das Kindle die Zeitung per e-paper schon vor dem Aufstehen parat hält. Neben des himmlischen Dufts frischer Druckerschwärze würde auch hier die Atmosphäre fehlen und sich die Angst, das Gerät mit Kaffee zu tränken, breit machen.

Was die Anwendungen angeht, stellt sich mir ohnehin das Rätsel, weshalb ich in ein Kindle investieren sollte, wenn das Smartphone oder das Notebook ohnehin mit dieser Funktion betraut sind. Für jegliche Zwecke, sei es das Lesen im ÖPNV oder im trauten Heim, sind die Lösungen nach meiner Ansicht vollkommen und ausgereift und das Kindle wäre somit nicht wettbewerbsfähig. Das Smartphone als mobile und kompakte Lösung schreiten dem Kindle ebenso vorweg wie das Notebook, das ein vielfaches der Funktionen vereint. Ich bin gespannt, ob sich diese Lösung etabliert.

Georg Schramm

Posted in Freiraum, Politik by gurkenwasser on 14. Oktober 2009

Georg Schramm als nörgelnder alter Renter Lothar Dombrowski beim Scheibenwischer 2003. Leider gibt es den Scheibenwischer als solchen nicht mehr. Die aktuell an dieser Stelle praktizierte Leichtkost Satire Gipfel wendet sich – in meinen Augen – immer mehr vom politischen Kabarett ab und hätte auch Zwerch trifft Fell 2 oder Comedy Gipfel heißen können.

Ps. Obwohl ich hier nie Videos verlinken wollte, komme ich hier einfach nicht drumherum.

München

Posted in Freiraum by gurkenwasser on 13. Oktober 2009

hEs war nicht gelogen, alle Vorurteile wurden bestätigt. München ist eine tolle Stadt.

Die Reise hat einige Zeit, Mühe und Schmerzen gekostet. Mit der gewöhnlichen Verspätung der kleinen roten S-Bahn geht es also auf den Weg zur großen weißen schnellen Eisenbahn, dem ICE. Der volle Bahnsteig und die Menschentraube, die sich beim Öffnen der Türen vor jedem Eingang bildete zeigt, was die Bahn mit ihrer Ankündigung meinte: Es wird voll, reservieren sie sich einen Sitzplatz. Zu allem Frust rebellierte die Technik und die Fahrt startete mit einem Zugabteil weniger. Bei gleicher Anzahl Menschen konnte also beruhigt die Abteilheizung abgedreht werden. Menschen stapelten sich, nahmen auf dem Boden Platz und fabrizierten ganzheitlich, an eine Laola-Welle erinnernde, Stand-ups bei jedem Durchstolpernden auf dem Weg zum Hygienecenter. Im Schiefstand memorierte ich: Weiss’e Bescheid. Rückfahrt wird besser.

Am Münchner Hauptbahnhof angekommen und alle Knochen sortiert, also auf den Weg durch das dunkle München. Erster Eindruck: Frankfurt, nur irgendwie sauberer. Die Meinung änderte sich jedoch umgehend nach dem Aussteigen am Marienplatz und den vor einem Schaufenster musizierenden Musikanten. Wo man überall Geige, Akkordeon oder Mundharmonika vermutet, spielen in Münchens Innenstadt orchestrale Combos aus aufgestelltem Flügel, Violine, Kontrabass und dem anderen notwendigen Handwerkszeug. Wo im Normalfall eine Mütze mit dreckigem Geld liegt, steht hier ein Tisch mit Decke und zum Kauf angebotenen CDs der Kapelle. Die Menschen bleiben stehen, lauschen, klatschen freudig und spenden lachend für das Dargebotene. Der Platz auch ansonsten mit kleinen friedlich wirkenden Inseln aus Menschen vollgestellt. Die Stimmung ist gut.

Auch während des Streifzuges am hellen Tag trügt der Schein nicht, dass ein gewisses Wohlgefühl über der Stadt liegt. Aber das erwähnte ich bereits an anderer Stelle. Im Englischen Garten tummeln sich Lauffreudige ebenso wie Hunde mit Menschen und andächtig einladende Parkbänke in den harmonischsten Ecken. Sogar der Biergarten im Herzen ist nicht nur zu Fuß erreichbar, sondern sorgt auch mit einer Bushaltestelle für eine trockene Rückkehr im Regenfall. Historische Sehenswürdigkeiten bedienen die Augäpfel ebenso wie der im Olympiapark stehende Olympiaturm, von dem aus man in 260 Meter Höhe einen fantastischen Blick über die Stadt hat. Ohne Wolken- und Regenfilter vor der Sonne soll man sogar die Berge sehen können.

Drei Fußmärsche und ein erfolgreiches Fußballspiel weiter, wir befinden uns in einem Gasthof und ich darf erfahren wie es sich anfühlt nicht die bayrischen Biergepflogenheiten zu kennen. Dass zwischen einem Hefeweizen und einem Hefe ein Unterschied von mindestens hell bis dunkel liegt, dadrauf bin ich erst nach der freundlich aufklärenden Beratung der Bedienung gekommen.

Neben richtungswechselnden Rolltreppen und ultramodernen U-Bahnen bleibt aber festzuhalten: München ist eine Großstadt, wie jede andere auch. Aber es wird bestimmt nicht mein letzter Besuch gewesen sein.

Politik oder Macht und Geld

Posted in Freiraum, Kognition, Politik by gurkenwasser on 10. Oktober 2009

Da liegt es also, das Jamaika im Saarland. Schwarz, gelb grün. Aber auch in Thüringen: die Sozialdemokraten verhandeln mit der CDU. In beiden Fällen wird als Anlass für diese Marschrichtungen das mangelnde Vertrauen gegenüber der Linkspartei weitergereicht. Die SPD kann besser mit der Union. Große Koalition als einzige Möglichkeit für die SPD an die Regierung zu kommen. Wie man es auch betitelt, fragwürdig ist die Lage allemal. Auf den ersten Blick scheinen, jetzt nach der Bundestagswahl, die Lager wieder deutlich zu sein. Doch wenn man genauer hinschaut, bildet sich da um die Linkspartei eine Mauer, die weniger aus Vorurteilen, mehr aus argumentativen Bausteinen errichtet wird. Naumann schreibt in der aktuellen Ausgabe der ZEIT von einem paradoxen Ringen um Wählerstimmen, was – zugegeben nicht nur – von der Linkspartei an den Tag gelegt wurde. Dennoch ist es ein Wegweiser, der auf die Richtung zeigt, den die Parteienpolitik bereit ist zu gehen um gewählt zu werden, um an der Macht zu bleiben oder an die Macht zu kommen. Mit der Macht ist – das sei angemerkt – das Amt gemeint, das in erster Linie zum Gestalten der zukünftigen Legislaturperiode ausgeübt wird. Aber eben auch, aus Sicht der Akteure – zum Broterwerb.

Scheinbar ist es vorbei mit der Zeit, in der hinter diesen Ämtern ein gewisser Ehrgeiz, eine moralische Verpflichtung steht. Vorbei dir Zeit in der Politik als Ziel zur Verbesserung der gesellschaftlichen Situation angesehen wird, wo hinter Inhalten angesehene Persönlichkeiten stehen. Wer heute in der Parteienlandschaft die jüngeren Mitglieder nach deren Zukunftsperspektive fragt, nach deren Berufswunsch, der darf sich nicht wundern, wenn einem als Antwort »Politiker« entgegen geschmettert wird. Wenn also Naumann schreibt dass die Wähler Angela Merkel – nun ja, einfach netter fanden. Und von der Wirtschaft verstünde sie, die noch nie auf dem freien Markt tätig war, einfach mehr als die Sozialdemokraten, dann darf man sich wundern, denn die erste Frau im Land lebt es uns immerhin vor und zeigt wie es geht. Kompetenz durch Schweigen und Abwarten. Zwischendurch vernimmt man, dass der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, für seinen Geburtstag das Kanzleramt als Partylocation zur Verfügung gestellt bekommt und die Geschichte mit Geldspenden an FDP und CDU (je 200.000 Euro) fein abrundet. Korruptionsvermutung hin, Marionettenvermutung her, aber dass dieses Thema nicht einer tiefergehenden Behandlung unterzogen wurde schmerzt dann doch im Demokratiesystem.

Ob es die geschürten Zukunftsängste vor Altersarmut sind oder die lukrative Anstellung auf Lebenszeit, der „Beruf“, der allem Anschein nach alle Facetten einer Berufung verloren hat, wird zahlreich entlohnt und das wird angestrebt. Opportunisten an die Spitze! Mit Sicherheit auch ein Grund für manche Handlungen und Entscheidungen, denn so ganz unabhängig ist man als Berufspolitiker ohne Erfahrung in außerpolitischen Tätigkeiten nicht.

Die SPD und der Status Volkspartei

Posted in Politik by gurkenwasser on 6. Oktober 2009

Jetzt hat die SPD also eine neue Führungsriege. Aus welcher Sicht man es auch betrachtet, die Wähler werden ihrer Abkehr stets bestätigt, das Kreuz an der richtigen Stelle gemacht zu haben. Wo auch immer. Die CDU beruft sich trunken voller Eigenlob selbst auf den Thron die einzig noch überbliebene Volkspartei zu sein, die Linke fühlt sich in ihrer Position als Kraft links außen vom Wähler bestätigt und die FDP – noch im Siegestaumel – überschlägt sich ohnehin vor Freude. Einzig die Grünen üben Zurückhaltung.

Doch statt sich der klärenden und substanziellen Diskussion hinzugeben, die Ursachen und Hintergründe für das schlechte Abschneiden am Wahlsonntag zu erforschen, sägen sie noch keine 48 Stunden nach Schließung der Wahllokale ihre Galionsfiguren ab und schüren sich die scheinbar notwendigen Sündenböcke. Und noch bevor die inhaltlich klärende Debatte über die Zukunft und den einzuschlagenden Weg geführt wird, präsentiert sich die neue Führungsmannschaft. Bleibt nur zu hoffen, dass die inhaltliche Abstimmung ebenso schnell von statten geht, damit das rhetorische Schwergewicht Gabriel sinnbildlich die Kohlen aus dem Feuer holen kann. Denn eines dürfte unumstritten sein, mit der bisherigen Gliederung des zwei-Volksparteien-Systems hat die Demokratie hervorragend funktioniert. Die gesellschaftlichen Folgen einer einzigen starken Volkspartei und einer im Unklaren definierten Opposition, einem Pool aus Klientelparteien, wären verheerend.

Volksparteien

Posted in Politik by gurkenwasser on 29. September 2009

Ab wann ist man eigentlich Volkspartei? Der Abstand zwischen SPD und FDP ist nur noch gering. Eine Regierung ohne Beteiligung der Union gar unmöglich. Kann eine solche SPD in dem Falle also überhaupt noch den Anspruch erheben, Volkspartei zu sein? Ja, sie deckt alle Interessenfelder ab. Zumindest ebenso professionell wie die sich bietenden Alternativen.

Vielmehr noch verwundert mich allerdings das Wahlergebnis, wenn man sich den Weg ansieht, mit dem es bestritten wurde. In höchsten Tönen wurden da die Sozialdemokraten für das angegriffen, was sie in der vorletzten (!!) Regierung als Agenda 2010 auf den Weg gebracht haben. Die damalige Situation hat ein Handeln der Regierung verlangt, ein allumfassendes Reformpaket wurde geschnürt. Heute wissen sie – und stehen es auch offen und ehrlich zu – dass es nicht vollkommen war, sondern an manchen Ecken und Kanten Nachbesserungsbedarf hat. Umso verwunderlicher ist es, dass die Liberalen das Feuer um die beharrliche Kritik an der Agenda 2010 entfachten. Denn im Grunde ist es ein neoliberales Programm, das im Kern den Ansprüchen der FDP genügen sollte. Es beinhaltete sowohl einen erhöhten Beitrag für Bildung, ermöglichte es erstmals dass auch Gesellen zur Ausbildung von Lehrlingen befugt waren, Förderung von Ganztagsschulen und die Senkung der Lohnnebenkosten. Weiterhin ist Bestandteil der Agenda 2010, mit dem die FDP explizit in diesem Jahr Wahlkampf machte, die Lockerung des Kündigungsschutzes. Was den Gesundheitssektor angeht, da ist bestimmt eine tiefergehende Analyse notwendig, aber auf den ersten Blick klingt es analog der Forderungen der FDP, einer leistungsgerechteren Gesundheitspolitik. Was auch immer man sich darunter vorzustellen hat. Jedenfalls fehlt unter dem ganzen Hype der Unionsparolen „wir haben die Arbeitslosigkeit bekämpft“ die Erklärung mit welchen Mitteln dies geschehen ist. So kurz nach der Wahl (2005) kann schlicht und ergreifend keine Vorsteuerung (und das ist Politik nunmal) greifen und innerhalb so kurzer Zeit wirksam sein. Vielmehr liefert die SPD mit den positiven Folgen der Agenda 2010 Grund zu Annahme, dass es ein wirkungsvolles Programm war. Aber das scheint unterzugehen.

Faktisch wird jedenfalls, wenn von der Agenda 2010 die Rede ist, immer nur schlechtes vermutet. Ob es klug oder dumm von der SPD war es nicht inhaltlich aktiver zu verteidigen bleibt zu überlegen. Grundsätzlich ist das passiert, was die FDP auch zukünftig plant. Streichung von Subventionen um den Bundeshaushalt zu strukturieren und zu sanieren. Festzustellen bleibt schlussendlich, dass die SPD auch deshalb das schlechteste Wahlergebnis eingefahren hat, weil sie ehrlich war und nicht populistisch angekündigt hat, mit einer zu erwartenden Neuverschuldung von knapp 100 Milliarden Euro in den nächsten Jahren, die Steuern zu senken und just mit der Streichung von Subventionen den Schuldenberg abzubauen. Die Spitze der Unglaublichkeit bietet sich aber noch keine zwei Tage nach der Wahl, wenn man aus verschiedenen Ecken leise mauscheln hört, dass mit den Steuersenkungen sei noch nicht so ganz sicher, da die aktuell Lage doch den Handlungsspielraum sehr einschränke. Aber anstatt von der schwarz-gelben Biene-Maja-Regierung laut das Einlösen der Wahlversprechen zu fordern, verstummt der gesellschaftliche Mob und widmet sich dem Harren der Dinge. Wir werden schon sehen was da kommt. Ja, und wenn nicht?

Sicherlich wird auch ein weiterer Grund für das schlechte Abscheiden der beiden Volksparteien – das geht irgendwie unter, dass auch die Union ihr zweitschlechteste Ergebnis eingefahren hat – die derzeitige Parteienvielfalt sein. Da kommt seit einigen Jahren die Linke daher und umgehend ist ein Mitgliedersprint zu verbuchen. Exorbitante Forderungen polarisieren fortan die linke Seite der Demokratie und zwischendrin sind irgendwo die Grünen. Ob eine solche (durch die Linken mit verursachte Spaltung des linken Lagers) von Vorteil ist und an der aktuellen Regierungsunfähigkeit ebendieser Verantwortung trägt, kann jeder für sich beantworten, allerdings fällt es zunehmend schwerer die Ernsthaftigkeit in dem zu sehen, was auf der Bühne des politischen Theaters aufgeführt wird. Da sind zum einen realpolitische Sozialisten, die 11 Jahre Regierung hinter sich haben und nun gezwungen sind die nächsten vier Jahre auf der Oppositionsbank Platz zu nehmen. Auf der gleichen Bank sitzen jedoch auch Sozialisten, die vereinzelt zwar mal in der Regierungsverantwortung waren, diese aber nicht genutzt haben, sondern nach kurzer Zeit das Handtuch geschmissen haben, als es ernst wurde. Lafontaine als Bundesfinanzminister 1999 und Gysi als Berliner Wirtschaftssenator 2002. Beide nach ungefähr 6 Monaten Amtszeit. Wenn also vor diesem Hintergrund das Licht ein wenig getrübt wird, ist es keinem in der SPD organisierten Parteimitglied zu verübeln, wenn so manche Forderung der Linken Bundestagspartei bitter aufstößt und über eine kooperative und ernsthafte Zusammenarbeit etwas länger nachgedacht wird.

Arbeit muss sich wieder lohnen

Posted in Kognition, Politik by gurkenwasser on 25. September 2009

»Wer arbeitet, soll mehr in der Tasche haben, als jemand der nicht arbeitet.«

So – oder so ähnlich – föhnt einem die lauwarme Luft immer und immer wieder entgegen, wenn man sich Wahlkampfveranstaltungen der FDP anschaut. Dabei frage ich mich, wer sagt eigentlich was Arbeit ist? Aber viel mehr noch: wie soll das funktionieren? Die erste Frage lässt sich vielleicht nicht klar beantworten, aber in vielerlei Hinsicht interpretieren. Der Logik nach, müsste somit zum Beispiel jede Mutter den Anspruch auf ein Gehalt haben, da die Kindererziehung – so ist es mir zu Ohren gekommen – sehr harte Arbeit sei. Jedenfalls stößt man bei diesem Gedanken schnell auf den Stein der Erkenntnis, dass scheinbar für einen Teil der Gesellschaft nur das Arbeit ist, was auch entlohnt wird. Und es eignet sich natürlich ganz hervorragend als Parole. Kurz, einprägend und schön oberflächlich.

Zur zweiten Frage, wie es funktionieren soll, dass Arbeit sich wieder lohnt. Es muss sich also wieder lohnen. Da steckt die Erklärung schon im Wort. Lohn. Demnach lohnt sich Arbeit erst dann wieder, wenn man das friedfertige Gefühl einer gerechten und fairen Entlohnung trägt. Allerdings scheint der Verfasser dieser Parole nicht bedacht zu haben, dass wir in einer Neidgesellschaft (man benenne sie nach Belieben) leben und das Bedürfnis nach fairer Ausgeglichenheit sich extrem an dem orientiert, was der Gegenüber in seinen Machtbereich trägt. Konkret könnte man es im Autoland auch so ausmalen. Der eigenen BMW ist nur so lange eine tolle Sache, bis der Nachbar den Nachfolger auf dem Hof stehen hat. In jenem Moment, in dem der Nachbar mit dem besseren, größeren und prestigeträchtigerem Auto auf dem Hof auffährt, werden die Augen mindestens groß, analog zum aufkeimenden Neid, selbstverständlich. Die Zufriedenheit wird sich auch erst dann wieder einstellen, wenn der Neidische mindestens den gleichen, aber besser einen noch größeren Wagen fährt. Wohin das führt, darf sich jeder selbst ausmalen.

Wer sich also die Bedürfnisbefriedigung der arbeitenden Gesellschaft auf die Flagge schreibt und nur mit monetären Motivatoren argumentiert, wird ein böses Erwachen erleben. Entweder weil man mit dem Verbrennen des Geldes nicht mehr hinterherkommt oder weil den Akteuren die Ohren vom lauten Schreinen nach »mehr Geld, mehr Geld, ich brauch‘ mehr Geld in meiner Tasche« der nimmersatten Mäuler abfallen. Oh Wahlkampf, du inhaltslose Missgeburt.